350?
 

Ich sitze im Heidelberger Krug und mir ist langweilig. Voll unnötig, denn ich habe vor ein paar Wochen ein neues Leben begonnen. War ganz einfach: ich bin zum Optiker unten am Bahnhof und habe eine Brille gekauft. Ich kann wieder lesen. Das war lange unmöglich, weil ich die Anschaffung immer wieder hinausgeschoben hatte. An die Gründe erinnere ich mich nicht, aber ich weiß nun, dass es in Wirklichkeit Vorwände waren. Nicht dass ich die Lektüre Berliner Tageszeitungen über die Jahre entbehrt hätte, aber ich muss heute zugeben, dass das gelegentliche Buch meiner Herzensbildung gut getan hätte. All die schönen Wörter.
Ich drehe mich zur Fensterbank um, weil ich weiß, dass dort immer mal was liegt. Richtig, ein weißes Hochglanzheft. Die Zahlen 3, 5 und 0 hängen groß an je einem schwarzen Luftballon, und ganz oben steht "Chamisso Lichtfest". Ich schlage auf und erwarte, dass die drei Ziffern erklärt werden. Das ist im sogenannten Editorial nicht der Fall, das etwas rastlos wirkt zwischen der Deutung von Kultur, dem Sturz des Phaeton, Umweltproblemen, ihrer Lösung hier im Kiez und Spaß mit Kindern; aber es endet sehr anspruchsvoll mit den Worten: "Viele Fragen sind offen, andere noch nicht einmal gestellt". Darunter, mit Abstand und viel größer: "Wir sind unterwegs. Wo sind Sie?" - Aus dem Text geht nicht hervor, wer "wir" sind, und zusammen mit der rätselhaften Zahl werde ich ungeduldig mit meiner Lektüre.
Vielleicht im Impressum gleich links gegenüber. Ich lerne, dass das Ding herausgegeben wird von der "Community Impulse Initiative" in Zusammenarbeit mit dem Wasserturmverein. Letzterer ist mir bekannt, allerdings hätte ich von ihm keine 20-seitige DIN-A4-Hochglanzbroschüre erwartet - die Zeiten ändern sich nun einmal und vermutlich auch die Vorstandsmitglieder. Ich komme hier nicht voran auf meiner Suche nach der erklärten Zahl. Auffällig finde ich folgenden Satz bei den Bildnachweisen: "Fotos in den Beiträgen der Initiativen und Unternehmen stammen aus deren Beständen." - Was für Unternehmen?
Die Seiten 4 und 5 heißen Projektelemente zur Vorbereitung des Lichtfestes am Chamissoplatz. Da ist erstens der Kiezteppich, zweitens der Klangteppich und zuletzt der Laternenbau. Dabei sind Kiezteppich und Klangteppich Schwesterprojekte, die zum Lichtfest präsentiert werden. In den Texten häufen sich Fehler, und der Name John Colton, den ich aus dem Impressum kenne, häuft sich auch. Wer das wohl ist.
Die Seiten 6 und 7 fassen unter der Überschrift Lichterfeste eine sehr kleine Kulturgeschichte des Lichts und die Tradition der Martinstagsumzüge zusammen, eingeleitet werden die Texte mit einer Anekdote aus Einsteins Leben und dem Hinweis, dass es für ein Leben auf der Erde zu kalt wäre, wenn es das Licht nicht gäbe. Zudem könnten wir sie nicht sehen.
Auf der Seite 8 finden sich zwei Texte, die mit dem Lichtfest auf dem Chamissoplatz nichts oder nur wenig zu tun haben, aber mit dem im sogenannten Editorial schon angesprochenen Klimawandel. Auf den gelte es Antworten zu finden, hatte ich mir gemerkt.
Die Seite 9 gehört einer Car-Sharing-Firma, die für den Text bestimmt gezahlt hat; und endlich wird mir klar, was das hier ist - ein Anzeigenblatt.
Und siehe da: Auf den Mittelseiten entwirft die Firma Ikea ihre Vision vom "Licht der Zukunft" und wie dem Klimawandel dort entgegengearbeitet wird. Der Konzern habe sich nämlich "entschlossen, zu seiner Verhinderung beizutragen."
Leider kommt die Zwischenüberschrift "Solarleuchten für Kinder weltweit" gleich zweimal vor.
Das macht erneutes Umblättern noch leichter und nun sieht es aus, als wäre ich unversehens in einem anderen Blatt: Zwei wunderschöne Bilder von Wolfgang Krolow, dem Fotografen vom Chamissoplatz, schwarzweiß vor schwarz, unter der wirklich schwachsinnigen Überschrift: "Ein Ort verändert sich - Was bleibt? Wer geht?" Ein Glück, dass solch ein Text Krolows Bilder nicht schlechter machen kann.

Ich hab keine Lust mehr auf das Heft, obwohl es jetzt interessant werden könnte. Seite 14, und die HerausgeberInnen stellen sich endlich vor. Ich überfliege die Texte nur, mehr geht nicht. Bei "Eltern und andere Kreative im Chamisso-Kiez" mache ich ganz Schluss.
Trotz der schönen neuen Brille. Dreihundertfünfzigmal Schluss.

Dezember 2009

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