Absurda du Liebliche
Oktober 2006

Die Sonne geht unter in der grauen Stadt, als ich mich auf den Weg mache, die Orte meines ersten Lebenstags zu besuchen.
Ich weiß nicht, wo die Jahre geblieben sind, aber was spielt Zeit schon für eine Rolle, wenn sie doch weg ist.
Meine hochschwangeren Eltern... - nein, meine Eltern waren damals auf der Reise nach einem weit ferneren Ort, als meine Mutter plötzlich niederkommen musste mit mir, und ich war schon vor der Geburt ein ganz ordentlicher Brocken.
Natürlich gab es damals wie heute keinerlei Kreißsaal in Absurda, also begab sich meine werdende Mutter hinter einen herumstehenden Holunderbusch.
Mein Vater war schon damals kein Mann für besondere Anlässe, so zog er sich zurück zu einem Gang durch einen jener Wege, die in Absurda von mehrstöckigen Zeltbauten umreiht sind, in denen die Menschen lebten und es heute noch tun. Später behauptete mein Vater, sprachwissenschaftliche Studien getrieben zu haben, aber wahrscheinlich hat er wieder nur seine Schritte gezählt - eins zwei, eins zwei. Ich gehe jetzt auch diese Wege, und die Zelte sind noch dieselben, die meines Vaters Augen schauten.
Ich denke oft daran, wie meine Mutter hinter dem Holunderbusch hervortrat und einem Passanten umstandslos den Hut vom Kopfe nahm, brauchte sie doch etwas, in dem sie mich herumtragen konnte.
Zum Glück hatte es seit Jahren nicht geregnet, so dass der Hut von innen knochentrocken war. Bekanntlich tragen die Absurdistaner ihre Hüte andersherum auf dem Kopf, um plötzlich fallendes Regenwasser sammeln und nachhause bringen zu können.
Meine Eltern trafen sich an einem zweiten Holunderbusch wieder, hinter den sich mein Vater kurz zurückgezogen hatte. Er warf einen Blick in den Hut, nickte mürrisch und sprach: »Nennen wir ihn Friedrich von Absurda«. So war das damals.
Das Licht wird immer weniger, und wenn das so weitergeht, ist es bald dunkel. - Mein Weg führt mich hinunter an den kleinen Fluss, den die Leute »Ban-Tam« nennen, aber das ist kein Wunder, schließlich ist es das einzige Wort, das die absurdische Sprache kennt.
Ein Vögelchen krächzt am Himmel und ich sehe, wie sich oben eine Pfeilspitze durch den Sackvorhang vor einem der Zelte schiebt. Und ich sehe die Faust, die den bösen Bogen hält, und dann macht es flirr und der Pfeil saust los nach dem armen Vögelchen - aber der Pfeil ist zu kurz, nein, der Weg ist zu lang, zu weit weg das Vögelchen, die Sehne nicht straff genug gespannt. Der Pfeil fällt erschöpft zu Boden, und ich höre des Bogenschützen wütendes »Ban-Tam, Ban-Tam-Tam!«
Er reißt den Vorhang runter, wirft den Bogen voraus und springt hinterher, ihm ist ganz warm vor Wut, so rot ist sein Kopf unter dem leeren Hut. - Ich springe beiseite, denn kein Mensch stellt sich in dieses Mannes Weg. - Er packt den Bogen, rennt nach dem Pfeil, weiter hinunter zum Fluss, wo ich ihn aus den Augen verliere. Wie hat meine Mutter immer gesagt: »Der Mann denkt in kleinen Bildern und spricht in großen Rätseln.«
Das hier müsste er sein. Der Holunderbusch ist älter geworden wie alles andere auch, und man sieht ihm die Jahre an.
»Hinter dir kam ich einst zur Welt« sage ich zu dem Busch - der aber schweigt.
Ich stehe nun am hübschen Ufer des Ban Tam, und da kommt das Vögelchen hernieder, setzt sich auf meine Schulter und krächzt leise. Ich begrüße es freudig, und das Vögelchen nickt.
Wir sehen dem Mann mit dem leeren Hut zu, wie er mit Pfeil und Bogen versucht, einen Fisch im Wasser zu erschießen.
Eine leichte Brise trägt das Rauschen des Holunderbusches zu mir hinunter an den Fluss, das Vögelchen schweigt heiter und ich sage: »Ban-Tam«.


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