Anal am Kanal
Seppo Kyrvilä schreibt kreativtime to raise
your flag of hate
kreatorDie besten Ideen haben in der Regel die Anderen. Zum Beispiel, einen Roman zu schreiben. Ein weiser alter Mann erzählte mir von einem eigenen diesbezüglichen Projekt, und ich sah spontan ein, dass es genau das ist, was meinem Leben bislang gefehlt hat. Wer schreibt, der bleibt.
Ein Roman also. Die gängige Zutatenliste war schnell zusammen: Ein Mann, zwei Frauen, Liebe, teils erwidert, teils unerhört, Irrungen, Wirrungen, Erotik (ersatzweise knallharte, unkonventionelle und manchen Leser verstörende Sexualität), Verbrechen und natürlich Berlin.
Einen Anfang hatte ich schnell: »Meine Freunde nennen mich Jeff. Ich habe diesen Namen seit fünf Jahren nicht mehr gehört.« In dieser Pose beginne ich mir zu gefallen. Da weiß auch der retardierteste Leser, woran er bei mir ist. Ein knallharter einsamer Wolf, der unerschrocken und stoisch durch die knietiefe bis hüfthohe Scheiße des Lebens watet, neben dem Harvey Keitel und Bruce Willis wie zwei verzärtelte Sissis wirken würden. Den Mann hätten wir also.
Nun also zu den Frauen. Zwei sollten es ja sein. Mit einer Hauptprotagonistin wäre es ja schließlich langweilig: Sie und der erwähnte Wolf würden maximal über einige komische Zufälle Zugriff auf einen Mietvertrag für eine geräumige Wohnung im Bergmannkiez bekommen, sich zunehmend gesünder ernähren und der höchste Akt an Dramatik wie Erotik wäre die gemeinschaftliche Einnahme einer erfrischenden Bionade am Chamissoplatz. Geiler Plot, das wird ein Reißer, den niemand freiwillig vor dem Ende aus der Hand legt. Mit zwei Chicas, da käme der Held ganz anders zum Zuge: Während die große Schlanke mit dem Porzellanteint sich die Augen nach dem Erzählwolf ausweint, hat dieser spontan unerwartet schmerzhaften GeVau mit jener rätselhaften Rothaarigen, des Lokalkolorits halber am Ufer des Landwehrkanals, zum Glück ohne Beteiligung des Schurken Schulz (geiler Stabreim!).
Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Genauer, als ich dem alten weisen Mann von meinem Vorhaben erzählte. Er bestellte spontan mit gepresster Stimme zwei Ouzi, stürzte den seinen, und erklärte unumwunden: »Das ist totale Scheiße. Du bist nicht Finnlands Antwort auf Raymond Chandler. Und auf Bukowski schon mal gar nicht.«
Auch solle ich an die KuK-Leser denken, die ihre monatliche Dosis Kreuzberg-Hassliebe bräuchten. Zudem gelte es mal wieder einen Lokalskandal anzuprangern: Am Halleschen Tor sei ein Zonenampelmann gesichtet worden. Der gehöre ja noch weniger nach Kreuzberg als eine Mc-Donalds-Filiale. Der alte weise Mann hatte mal wieder Recht.