August hat einen hässlichen Vetter
Seppo Kyrvilä nimmt erschüttert einen Schalttag zur Kenntnis

Das Leben ist nicht immer schön in Berlin. Das scheinen eine Menge Leute in Deutschland zu wissen. Zwar kommen sie ständig und mittlerweile fast zu jeder Jahreszeit in die Stadt, fluten die öffentlichen Verkehrsmittel mit ihren Körpern, stellen sich zu den anderen in die Schlange vor dem Reichstag und suchen ergebnislos die Bergmannstraße nach dem in den Reiseführern angepriesenen »Kreuzberger alternativen Charme« oder ähnlichem Unfug ab. Doch wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, dann kommt ein Satz so sicher wie der Kater nach dem Futschi: »Berlin ist ja eine tolle Stadt - aber auf Dauer könnte ich ja nicht hier leben.«
Das ist leicht zu kontern: Man setze einen möglichst großstädtisch-weltgewandten Gesichtsausdruck auf  und fasele etwas von Theater und Oper, dass gerade die kleinen und unabhängigen Galerien gewaltige Impulse in das brodelnde geistig-kulturelle Leben der Metropole aussendeten. Dann noch ein dezenter Hinweis auf die preisgünstig zu entdeckende kulinarische Vielfalt und der Gast wird sich vorkommen wie ein mieser beschränkter Provinzler. Völlig egal ist bei diesem Triumph, dass man die Theater und Galerien bestenfalls von außen kennt und sich so ziemlich jeden Abend, den der liebe Gott werden lässt, in ein und der selben üblen Eckspelunke dem Bier widmet, die nur deshalb zur Stammkneipe erkoren wurde, weil sie eben die nächste Tränke ist, die Bier ausschenkt, das nicht in Berlin gebraut wurde.
Wenn man überzeugend genug den begeisterten Hauptstadtbewohner vorgetäuscht hat, dann kann es passieren, dass man nicht nur den Gast, sondern auch sich selbst überzeugt hat. Für einen kurzen, wunderschönen Moment glaubt man dann, tatsächlich exakt am einzigen Ort Deutschlands zu leben, an dem es sich aushalten lässt.
Und in der Tat gibt es ja die magischen Momente, in denen ich nirgendwo anders sein möchte, als eben hier. Ich denke zurück an eine laue Sommernacht, in der ich mit einer bezaubernden Frau durch Kreuzberg flanierte, angeregt plaudernd, bald hier ein Getränk nehmend, bald am Kanal sitzend und sinnierend in die Schwärze des Wassers schauend. Ja!
Aber der strahlende August hat einen hässlichen Vetter, und das ist der Februar. Es ist spät hell, früh dunkel, nass und kalt und die ganze vernarbte Stadt strotzt vor Dreck. Die Menschen brüllen einander an. Auf Dauer kann man das in der Tat nicht aushalten. Und dann dauert etwa alle vier Jahre dieser verfluchte Februar auch noch einen Tag länger - oh nein! Wenn schon Schaltjahr, warum spendiert man uns dann nicht einen 32. August?

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