Ausziehen!
Seppo Kyrvilä und die SeehundeBerlin ist wie Finnland - zumindest aus Sicht des Autofahrers. Es ist mächtig viel Platz auf den Straßen, und alles wäre großartig, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer nicht so erschreckend dämlich wären (in Finnland die Elche, in Berlin die Berliner). Doch wozu hat man in Berlin die Straßen so großzügig gebaut? Als Kreuzberg errichtet wurde, war die fundamentale Unfähigkeit der hiesigen Kraftfahrerschaft noch lange nicht vorauszuahnen.
Dennoch entstanden Straßen wie Gneisenau und Blücher, die im Rest der Welt als Luxusautobahnen durchgingen. Selbst die für hiesige Verhältnisse verträumten Nebenstraßen wie Friedrich Schindlers gehassliebte Fürbringer würden nicht nur in Rovaniemials veritable Boulevards angesehen.
Die Antwort findet der aufmerksame Beobachter an den Wochenenden.Seehunde, so weit das Auge reicht! Blaue Seehunde! "Jaja, so issa, der Finne", höre ich den KuK-Leser jetzt schon sagen, "am Freitachahmd
orntlich wat jetankt, und am Freitachmorgen hatta beim Schrippenholn noch jewaltich Druck uffem Kessel un sieht buntet Viehzeuch!!
Das ist natürlich nicht wahr: Nüchternheit ist die erste Pflicht nicht nur des Revolutionärs, sondern auch des seriösen Wissenschaftlers. Und selbst wenn ich bisweilen halluzinierte, so würde ich dies aus Gründen des Selbstschutzes, zumindest der uns Nordländern eigenen Scham verschweigen.
Der Seehund ist das Wappentier eines ortsansässigen Lieferwagenvermieters. In zweiter bis dritter Reihe stehen die markanten Kleintransporter, Lastkraftwagen gleichen Designs machen Bürgersteige unpassierbar.
Betriebsam schleppen Menschen jeden Alters ebensolche Möbel durch die Gegend. Der Berliner ist ein Nomade. Wohnungen werden in dieser Stadt gewechselt wie Geschlechtspartner im Swingerclub. Job weg, Geld weg, Freundin weg - eine kleinere Wohnung muss her. Beförderung, Schwangerschaft, Kommunenbildung - Zeit, sich zu vergrößern. Und wie im Swingerclub herrscht an Auswahl kein Mangel: Die Stadtbewohner werden von Jahr zu Jahr weniger, die Häuser bleiben da.
Aller augenfälligen Mobilität zum Trotz bewahrt der Kiez seinen dörflichen Charakter, trifft man in Kaufmannsläden und Gastwirtschaften immer die gleichen vertrauten Gesichter. Denn die Seehundsautos werden des Abends mit nur wenigen Kilometern auf dem Zähler abgegeben. Denn der Kreuzberger Nomade ist bodenständig: Die
maximale Umzugsdistanz beträgt 240 Meter.Denn Wandel braucht Kontinuität, Umbruch Verlässlichkeit.