Muskelmänner, Wursthaare, Bademäntel
Seppo Kyrvilä gönnt sich ein Sonnenbad im Angesicht des TodesKalt war es am Pfingswochenende. Ich bekam Heimweh nach meiner finnischen Heimat, obwohl in Rovaniemi nur selten leichtbekleidete schöne Frauen auf der Straße tanzen. Doch inzwischen hat der Winter verspielt und der homo berolinensis ergießt sich ins Freie. Die Bewohner der Hauptstadt scheinen einen tiefen Hass gegen ihre Wohnungen zu hegen. Abgesehen von wenigen intimen Verrichtungen verlagern sie ihr Leben in jene Gegenden, die Stadtplaner "öffentlichen Raum" nennen.
Biertrinken ist in der prallen Sonne noch mal so schön, und die Wirkungstrinker kommen auch schneller und preiswerter zum Ziel. So stellt jede, aber auch wirkliche jede Schänke, Pinte und Spelunke mehr oder weniger geschmackvolles Gestühl vor die Tür, um den Gästen mediterranes Lebensgefühl zu spenden. Die rauschende Brandung des azurblauen Meeres ersetzt der brüllende Verkehr auf Gneisenau- und Blücherstraße mühelos.
Die Kraft zum Selbstbetrug mancher Zeitgenossen reicht indes nicht aus, im Angesicht von Metrobus und Müllwagen echtes Strandgefühl zu erzeugen - also auf ans Wasser, ran an den Strand. Praktischerweise muss der Bewohner des Kiezes ohne Namen dafür nicht an Ostsee oder Adria reisen, nicht mal nach Mitte, an den Bundesyuppiestrand oder in den Mogadischupark. Das kleine Glück am Wasser ist nur wenige Schritte entfernt. Zwar laden die brackigen Fluten des Landwehrkanals nur Lebensmüde zum Bade, doch das Publikum am Urbanhafen sucht seinesgleichen: Der arabische Muskelmann Seit an Seit mit wursthaarigen Dauerstudenten jeglichen Geschlechts - und dazwischen, in feschen Bademänteln, kranke bis schwerkranke Raucher aus dem benachbarten Krankenhaus, die im Angesicht des Todes nun auch nicht mehr vom Glimmstengel lassen wollen, Jugendkult ist dümmlich-kalifornisch. Erst die Gegenwart von Siechen und Todgeweihten verleiht dem Sonnenbad jene gewisse philosophische Tiefe, die den kultivierten Menschen vom Durchschnittsamerikaner unterscheidet.