Ade, mein dralles Bauernmädel
Seppo Kyrvilä denkt ein wenig wehmütig an den soeben beendeten Sommerurlaub zurück

Ich liebe Berlin! So! Das musste einfach mal raus. Doch mit der Liebe zur Heimat - ob eingeboren, ob zugewandert - ist es wie mit der Liebe zur Frau: Man muss auch einmal Abstand gewinnen, um sich seiner selbst gewiss zu werden wie auch der Beziehung an sich. Außerdem muss man sich natürlich vergewissern, ob nicht auch andere Väter schöne Töchter haben. Also packte ich in diesem Jahr wieder die Koffer und kehrte der Stadt, die damals noch in heute kaum mehr vorstellbarer Julihitze vor sich hin schmolz, den Rücken. Ganz nach Lehrerart gönnte ich mir in diesem Sommer sechs Wochen der Muße, fernab der brodelnden Metropole.
Als Ethnologe, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Deutschen und ihre Gebräuche zu studieren und beschreiben, zog es mich in die ländlichen Gebiete meines Gastlandes. Ich sah liebliche und herbe Landschaften, darin bezaubernde kleine Provinzstädtchen wie Nördlingen am Ries, Vaihingen an der Enz, Naumburg an der Saale oder Hamburg an der Elbe. Überall war es anders als anderswo - und an Berlin erinnerte nichts: Wurstwaren und Bier schmeckten gut, die Menschen sagten in ihren jeweiligen Dialekten "Bitte" und "Danke" und die Busfahrer bremsten sogar für Fahrgäste.
Das ist, vom Bier abgesehen, in meinem Heimatdorf zwischen Rovaniemi und Sodankylä nicht anders, für einen jedoch, der seit Jahren in Deutschlands Hauptstadt lebt, ausgesprochen exotisch.
Exotisch wie wohltuend. Fast spielte ich mit dem Gedanken, mein Glück in der Provinz zu suchen und ein rotwangiges dralles Bauernmädel zu freien. Für den Fall allzu intensiver Sehnsucht nach der seit Paul Lincke sprichwörtlichen Berliner Luft könnte ich ja meinen Kopf in jeden beliebigen Mülleimer halten oder meine Pfeife mit Braunkohle statt mit Tabak befeuern.
Doch Berlin in seiner ganzen Komplexität ist nicht so einfach zu simulieren. Wo beispielsweise soll man in den Provinz den liebgewordenen Lärm hernehmen? Auf den Bau einer vierspurigen Trasse durch den Vorgarten zu hoffen, wäre angesichts knapper Staatsfinanzen sehr optimistisch. Und damit wäre es ja noch nicht getan - woher nimmt man in dünnbesiedelten Landstrichen all diese Typen, die bei geöffnetem Fenster versuchen, mit dem Autoradio den eigenen frisierten Motor zu überstimmen und sich gleichzeitig gegenseitig die Vorfahrt zu klauen.
So sagte ich schweren Herzens dem Bauernmädel "Ade" und machte mich auf den Heimweg, vom Geläut der Kuhglocken zurück zum Soundtrack des Berliner Südens.

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