Biene Meiers letzter Flug
März 2008Letztes Jahr im Spätsommer, die Sonne wärmt meinen Kopf, denn ich stehe am Fenster und blicke auf die Straße hinunter. Sonst nichts zu tun.
Eine Biene fliegt vorbei. Früher hatte ich keine Wut auf sie, aber das ist anders, seit mich im Frühling eine stach. In den linken Zeigefinger, und die Schwellung blieb wochenlang (siehe auch »Stich hilft« in der Mai-Ausgabe 2007).
Die Biene da draußen fliegt nicht vorbei, sie hat den Kurs geändert, kommt auf mich zu, braust heran und schon ist sie drin.
Ich nehme die Verfolgung auf. Sie ist in der Mitte des Raumes, hält im Flug inne, wendet, fliegt auf das andere, geschlossene Fenster zu. Dort wird sie hart von der Scheibe gebremst. Sie wirkt erschöpft, taumelt zurück und versucht es noch einmal.
Ich rolle die neueste »Bravo«, bis sie mir wie ein kleiner Knüppel fest in der Faust liegt.
»So leicht kommst du mir nicht davon«, rufe ich ihr zu. Alle meine Feinde haben Namen, und diese Biene ist mein Feind. Ich nenne sie Meier. Meier wird mir heimzahlen, was jene andere einst tat.
Meier tanzt noch immer mit dem Fenster, als ich - gewissermaßen von hinten - an sie herantrete. Das verschafft ihr einen taktischen Vorteil, weil ich trotz meiner Entschlossenheit zum Bienenmord hier nicht alles verscherben will. Ich hole einmal leicht aus, schlage zu und verfehle sie knapp. Das mit der »Bravo« ist doch Quatsch. Ich nehme das mittlere Jagdkatapult aus der hölzernen Wandhalterung und zwei drei Kugeln aus der Munitionskiste. Ich bekomme sie von einem Freund, der Spielautomaten verleiht. Wenn Sie schon einmal geflippert haben, wissen Sie, was das für Kugeln sind. Ich lege eine auf die Schlaufe und spanne leicht. Meier hat sich für einen Moment auf die Fensterbank gesetzt, das Summen ist verstummt. Das ist meine Chance, denn selbst einem Hirni wie mir ist klar, dass der Schaden durch eine Stahlkugel weit größer wäre als durch eine alberne »Bravo«. Dies ist ein Kampf auf Leben und Tod, doch die Biene Meier weiß das nicht. Ich spanne. Beine leicht gespreizt, Rücken durchgedrückt, atmen: ein - aus, ein - aus. Loslassen. Die Kugel fliegt in schnurgerader Bahn und beendet ihre Fahrt auf dem Körper der nunmehr toten Biene.
Die Biene Meier ist tot.
Und ich bin ihr Mörder.
Heute ist der 29. Februar. Ich habe eben ein Maumau-Turnier gewonnen. Ich sitze auf einem Poller, der zur Zierde der Admiralbrücke aus dem Boden ragt. Nachhause wäre gut. Puh.
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Bienenmassengrab in der Blücherstraße