Bleiben ohne zu gehen
Dezember 2007

it's easily found when
you know where it is.
f. schindler

Ich bin ein Königsdromedar. Ich stehe am Rand meiner Oase und blicke hinaus in die  Wüste. Kalt, leer und dunkel. Kein Wetter zum Spazierengehen. Der Höcker juckt weit hinten und ich frage mich, was meine Parasiten eigentlich treiben. Die Luft bewegt sich nicht vom Fleck.
Ich bewege mich auch nicht vom Fleck und das Leben ist keine Wohltätigkeitstombola und ein Königsdromedar bin ich gleich gar nicht. Leider. Dann könnte ich  hochnäsigen Blicks auf die Welt hinabschauen und wochenlang ohne Trinken auskommen. Aber so. Aber so bestell ich noch eins.

Ich denke oft an Weihnachten, wie es früher war. Heiligabend war es bei uns guter Brauch, dass mein Vater mittags schwer betrunken nachhause kam, den Weihnachtsbaum vom Balkon holte und ihn nach allen Regeln der Kunst zu schmücken begann. Dazu trank er eine Flasche Holsten-Bier. Schon nach etwa sechs Minuten hatte er mit der ganzen Familie Krach, warf alles hin, schlug die Tür und legte sich laut fluchend zu Bett. Nach ein paar Stunden Schlafs erhob er sich mit neu geschöpfter Kraft, setzte sich zu seinen Lieben an den Tisch unter dem inzwischen landestypisch geschmückten Baum und verzehrte den traditionellen Kartoffelsalat mit heißen Würstchen. Danach war die Bescherung. So ging das jahrelang.
Inzwischen habe ich das Warten aufs Christkind ganz eingestellt;  war mir damals einfach zu anstrengend mit Vati.
Schon wieder ein Bier weg, ich komme also gut voran mit dem Trinken.  Mein Freund und Gönner - er steckt mir gelegentlich ein Pfund zu - Seppo Kyrvilä sagte vor ein paar Tagen: »Friedrich, du musst aufpassen, der Schnaps hat schon bessere Männer weggerafft als dich!« Das fand ich irgendwie gemein, aber der junge Mann sollte recht behalten: Kurz darauf wäre ich ums Haar böse vom Hocker gestürzt, als ich zum Verzehr eines guten Glases Ouzo den Kopf mit voller Wucht in den Nacken warf. Zuviel Schwung.
Ich muss gehen.
Ich stehe vor der Tür wie Weihnachten und weiß nicht wohin mit mir. Ich gehe ja schon. Ich bin ein Riesenkamel.

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