Das Herrenaccessoire der Saison
kommt aus Bremen
Seppo Kyrvilä hat eine Hand voll zu tunFrauen haben es gut. Sie sehen besser aus als Männer und können sich auf mehr als 0.75 Dinge gleichzeitig konzentrieren. Außerdem sind die meisten von ihnen in der glücklichen Lage, Hertha BSC vollständig ignorieren zu können. Beim Bummel durch die Stadt machen sie zudem eine weitaus bessere Figur als der jeweilige Herr an ihrer Seite - der Damentasche sei Dank.
Egal ob zierliches modisches Accessoire oder klobiger Großraumtransporter - die Berlinerin hat eine Sache fest in der Hand, die Lage voll im Griff.
Der Mann hingegen bewegt sich barhändig durch die Straßen. Alles was er zum Leben und Überleben braucht, verbirgt er in Taschen, Beulen und Schründen seiner Oberbekleidung. Doch wohin mit den Armen, was tun mit den Händen? Schlaff am Rumpf herunterhängende Extremitäten wirken grobschlächtig und gorilloid, wild schlenkende Arme und Beine nach Steinbrecherart unbeholfen. So hat es sich in der westlichen Welt eingebürgert, dass der Mann die Freiheit der Hände nutzt, um in kurzen Intervallen den Sitz seiner Geschlechtsteile überprüft und gegebenfalls korrigiert oder den Juckreiz am Gesäß bekämpft. Das sieht auch nicht sehr schön aus und zieht in der Regel gallige Kommentare der Begleiterin nach sich.
Doch aus dem traditionell innovativen Berliner Süden schickt sich ein Trend an, die Männer der Welt zu erlösen. Der örtliche Mann hat ein Accessoire entdeckt, das ihn nicht weibisch oder feige wirken lässt, wie Herrentäschchen oder Regenschirm. Man trägt Flasche, vorzugsweise Bier. Damit ich nicht missverstanden werde: Die Rede ist keineswegs von randständigen Existenzen von ungepflegtem Äußeren, die schon immer den Vollrausch mit Publikum dem langweiligen Verrotten daheim vorgezogen haben. Der smarte juvenile Flaneur mit feschem Adam-Green-Haarschnitt (inklusive Koteletten) und teurer Sonnenbrille geht ab diesem Frühjahr nicht mehr ohne. Die nonverbale Aussage dahinter verstehe ich folgendermaßen: »Ich bin ein echter Kerl. Dem Genuss nicht abgeneigt, aber doch irgendwie bodenständig. Außerdem habe ich den Pflicht-Lehmann gelesen, denn die Karaffe in meiner Rechten kommt aus Bremen.«
Auch das Bier mit dem Schlüssel wird indes nicht besser, wenn man es stundenlang unverschlossen in der wärmenden Hand durch die Gegend schaukelt. Aber vermutlich ist schales lauwarmes Bier immer noch ein geringeres Übel, als sich nach Neandertalerart alle fünfzehn Schritte am Gemächte zu kratzen.