Brüllende Ruhe
Seppo Kyrvilä grüßt aus dem Sommerurlaub

Die Sommerfrischler sind, zumindest wenn sie Inhaber schulpflichtiger Kinder sind, wieder da. Mit den alljährlichen Klagen (Is ja auch nich mehr so billich wie früher, und außerdem irgendwie total touristisch) über den ebenso alljährlichen Griechenlandurlaub vergällt der Kreuzberger Alternativspießer den anderen Gästen den gemütlichen Moment am Biertisch. Nix wie weg also - auf in die alte Heimat. Jeder irgendwann einmal in die Stadt gezogene Mensch (92 Prozent der Berliner) kennt die Besuche in der alten Heimat, halb geliebt, halb gefürchtet. So machte ich mich auf Richtung Norden, sehr weit, bis in mein kleines Dorf jenseits des Polarkreises. Wie oft hatte ich anfangs, als ich neu hier war, Heimweh - insbesondere wenn ich in Sommernächten Licht machen musste.
Wie oft habe ich in den letzten Jahren arrogant gegrinst, wenn Urlaubsheimkehrer klagten, wie anstrengend und strapaziös die Ferien doch gewesen seien. "Selbst schuld", dachte ich bei mir, "wer sich erholen will, soll doch einfach die Füße ruhig halten und stumpf in der Gegend rumsitzen." Exakt dieses hatte ich mir auch bei meiner Abreise vorgenommen. Jetzt sitze ich hier zwischen Rovaniemi und Sodankylä - und es ist die Hölle!
Nächtens schlafe ich schlecht, weil ich die Geräusche der Vögel höre und das Rauschen des Windes. Tagsüber schreit mich diese gespenstische Stille an. Egal, wie weit das Fenster offen steht - kein Nachbar versorgt mich mit schwülstigen Neil-Young-Balladen, kein Martinhorn gemahnt mich an das Leid und Unglück meiner Mitmenschen. Und das ohnehin nicht so tolle finnische Bräu schmeckt mir nicht recht ohne den donnernden Verkehrslärm und die Feinstäube, mit denen so manche biergartenähnliche Einrichtung im namenlosen Kiez reich gesegnet ist. Den Heimweg, so habe ich beschlossen, trete ich per Zug und vor allem Fähre an. Ich freue mich schon jetzt auf die mehr als 20 Stunden lange Überfahrt - mit einem Kasten Importbier im Maschinenraum.

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