Buddelpeters große Grube

Der Moritzplatz kocht. 47,5 gefühlte Grad Celsius und kein Schatten, nirgends. Ich stehe auf der liebevoll begrünten Mittelinsel und blicke bildungsbürgerlich die Oranienstraße hinunter. Der Oranienplatz ist gerade noch zu erkennen, der weiter hinten gelegene Heinrichplatz nicht. Die drei Plätze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts als Ensemble gebaut, und dahinter steckt natürlich olle Lenné, schließlich steckte der an die fünfzig Jahre lang hinter fast allem, was in Berlin gebaut wurde.
Mein sonst gut entwickeltes Interesse an Städtebau und so erstirbt kampflos, als ich drüben einen kleinen Scheißer an meinem Fahrrad fummeln seh. So schnell wie ich ist hier noch keiner über die Straße gesprungen, wiewohl mich die mit Dummheit gepaarte Mordlust des durchschnittlichen Kreisverkehrsteilnehmers nur knapp verpasste.

"Weg da, du Penner, das Rad ist eine Nummer zu groß für dich", rufe ich und will das Schwein packen, doch da hat es seine Häkelnadel oder was es da hat schon raus aus dem Schlossschlüsselloch und türmt Richtung U-Bahn. Ich verfolge es nicht, mein Rad gehört noch mir und ich bin so erschöpft und schweißüberströmt wie einer nur sein kann in dem Zustand. Bei so einem Wetter rennt kein Mensch.
Ich schiebe nun das Rad die Oranienstraße hinunter auf der Suche nach einem passenden Ort, die Rettung desselben zu befeiern. Das berühmte "Max und Moritz" hat noch zu, gegenüber wird schon gestritten und am Oranienplatz holt mich Peter Joseph Lenné ein. Hier kreuzte nämlich einst der vom Meister mitgeschaffene Luisenstädtische Kanal, unterwegs vom Landwehrkanal zur Spree und eigentlich eine Dauerbaustelle zur Arbeitsplatzbeschaffung vom ersten Tage an. Für die Schifffahrt taugte das Gewässer nicht recht, mangels Gefälle floß es langsam versandend dahin. Auch beschwerten sich die Anwohner über den Gestank ihrer eingeleiteten Fäkalien. Mal abwarten - kanalgeschichtlich befinden wir uns in einer mittleren Phase; der Kanal wird in Abschnitten ausgegraben und schön begrünt.
Ich weiß noch immer nicht wohin mit mir. Ich will doch nur ein paar Halbe zur Errettung eines Rades stemmen. Heinrichplatz. Da! Der Elefant! Seit Jahren nicht. Draußen ist ein sonniges Plätzchen frei, das erste Getränk kommt schnell und ich denke noch, wie schön ich hier schon vor dreißig Jahren vom Rad gefallen bin.

Juli 2009

<