Pornofilme schaut man nicht auf dem Bürgersteig
Seppo Kyrvilä hat sich nur ganz kurz entkleidetEs gibt ein Klischee, nach dem sich vor allem sexuell inaktive Menschen an Darstellungen sexueller Handlungen ergötzen. Ich habe diese These nie überprüft - die sich aus dieser Aussage ergebenden möglichen Schlüsse zu ziehen, stelle ich anheim. Doch Schluss mit Schmutz, dies ist schließlich ein wohlanständiges Blatt für die ganze Familie. Doch ich glaube, dass besagte Vermutung übertragbar ist auf weniger südliche Gebiete menschlichen Daseins.
Die soeben hinter uns liegende Europameisterschaft der Ländermannschaften im Fußball gab mir schwer zu denken. Offenbar war auch hier das Interesse an den zur Schau gegebenen Leibesübungen umgekehrt proportional zu den eigenen Aktivitäten der Zuschauerschaft.
Der Kiez, in dem ich wohne, trinke, mampfe, schlendere und was man sonst noch so in seiner Freizeit tut, ist keine ausgesprochene Hochburg des Sports. Der einzige, nun ja, Fußballplatz ist eine von Brandmauern umgeben Estrichfläche, in etwa so groß wie die Wohnzimmer jener Altbauwohnungen, in denen die mittlerweile in Agonie ergrauten Kreuzberger Erstconquistadoren vor sich hin rotten und Pläne zur Rettung maroder Bäume schmieden. Auf jeden Fall keine offiziellen Abmessungen, der Sportplatz. Auch sieht der gemeine Kiezinsasse nicht sehr sportlich aus: Gern trägt man Übergewicht zum geröteten großporigen Trinkerantlitz. Das Interesse am Leistungssport jedoch war im Juni schwer fasslich. Nicht nur in den notorischen Sport-im-Fernsehen-sehen-Kneipen wurden die Spiele weggeschaut. Selbst der öffentliche Raum verdiente im Juni seinen Namen: Bürgersteige, auf denen sonst nur Hundekot vor sich hin stinkt wie die oben bereits erwähnten Altbauwohnungsbewohner, wurden zu Schauplätzen im Wortsinne. Am Rande vielspuriger Straßen machte sich eine friedlich-enthusiastische Stimmung breit, der auch ich mich, obwohl normalerweise emotional stabil und überdies einem fußballfernen Land entstammend, nicht entziehen konnte. Vor einem Ladengeschäft, in dem ich normalerweise nur meine Zigaretten und die BZ, Entschuldigung, die ZEIT natürlich, kaufe, schaute ich das umwerfend spannende Match der Deutschen gegen die Türken. In der allgemeinen Verbrüderung nach dem Abfiff riss ich spontan mein Deutschland-Hemd (von der WM 2006 noch) vom Leibe und tauschte es gegen ein türkisches Jersey. Und ich erlebte eine weitere Wesensverwandtschaft von Sexualität und Fußballsport: Auf einmal umfing es mich wohlig warm und feucht.