Die Leiden eines nicht mehr ganz jungen Mannes
August 2008

Ich habe dauernd diese furchtbaren Schmerzen in Hals und Brust, und beim Husten belle ich wie ein Bernhardiner ohne Aussicht auf ein Schlückchen aus dem eigenen Fass. Die Morgengrippe mit fest vernagelter Stirnhöhle ist zur Gewohnheit geworden, aber mein Leben bereichert sie nicht. Mit anderen Worten: Ich bin Raucher und muss das draußen tun, wenn ich mal einen trinken geh. Draußen ist gut.
Neulich kam ich bei strömendem Regen an einem Café in der Gneisenau vorbei, davor saß ein Paar in nagelneuer  Outdoor-Ausstattung und rauchte in einen Aschenbecher, der halbvoll mit Kippen war und halbvoll mit Wasser, also gelber Jauche. Die beiden sahen einander ganz verliebt an - oder war es eine Art  Hass im Kopfstand auf die Verhältnisse, der die Menschen doch zusammenschweißt, selbst wenn sie unterschiedlichen Geschlechts sind.
Der volkswirtschaftliche Schaden muss enorm sein. Abgesehen davon, dass keineswegs weniger geraucht wird, ist es doch so, dass nicht nur die Draußenraucher ständig krank sind wie ich, sie stecken auch die Nichtraucher drinnen an und erzeugen so eine beispiellose Krankschreibungswelle.
Und das gesundheitspolitisch so fürsorglich bedachte Barpersonal? Steht draußen rum und raucht lustlos, während drinnen die Nichtraucher keine Drinks kriegen. So werden diese zwar vor Alkoholmissbrauch geschützt, jedoch gerät so der Dienstleistungsstandort Kreuzberg in Gefahr. In Gefahr!


Freund Kyrvilä beim Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen

Und ich erst. »Lungenentzündung«, sagt der Arzt besorgt, als er das Röntgenbild aus der Hand legt. Sechs Wochen Antibiotikum minimum, also keinen Alkohol, sonst bekomme ich überall diese fiesen roten Pusteln, das ist bei mir eben so. Ich spare einen Haufen Geld, aber genau der entgeht meinem Teil der Kreuzberger Gastronomie. Ich sehe schon die vorwurfsvollen Blicke der Wirtsleute, wenn ich schwer atmend und zittrig meine Runde mache.
Rauchen darf ich natürlich auch nicht mehr, und so kommt ein knallharter Entzug auf mich zu. Mir fallen die Augen zu vor Durst. Das Beutelchen Tabak da rühre ich nicht an. Mir ist kalt, doch die Haare kleben  am Kopf. Was tun? Genau, ich suche mir eine nette kleine Heilanstalt im Speckgürtel; vielleicht behalten die mich da bis zur Rente.


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