Am Ende der Nacht

Ich war immer so nervös. Labil, kränklich.
Da hab ich mich zu dem Kurs angemeldet. Die elf Wochen sind nun rum, und es geht mir viel besser.
Zuerst war das nicht leicht. Der Wecker klingelt um 3.50 Uhr. Zehn vor vier. Diesen Wert hatte ich anhand meiner morgendlichen Verrichtungen errechnet, und da Eile um die Zeit tödlich ist, liegt die Zeit eben, wo sie liegt. Egal, ob ich die Stunden davor schlafen konnte oder nicht - das Klingeln reißt mich stets aus dem Tiefschlaf. Erst denke ich, das Geräusch hat mit dir nichts zu tun, du bist nicht gemeint. Diese Gewissheit weicht nach drei Sekunden der Wirklichkeit. Ich schalte den Ton aus und wünsche, es wäre die Zeit.
Ich entsteige dem Bett, prüfe, ob des Körpers Kraft reicht, ihn zu bewegen. Das führt mich bis in die Küche und ich koche mir den Kaffee. Beim Aufschäumen der 3,8-prozentigen Bio-Milch tritt mir feinperliger Schweiß auf die Stirn, den ich mit dem Geschirrhandtuch entferne. Mutti guckt ja nicht. Aus dem Augenwinkel beobachte ich die Uhr. Wenn der Kaffee um 4.03 nicht fertig ist, bin ich spät dran. Ich stelle den Becher auf den Schreibtisch, checke Mails und versuche, mir die Wetterprognose zu merken.
Der Kaffee ist getrunken und geduscht wird! Danach betrachte ich mein an sich feines Antlitz im Spiegel und sehe auch heute von einer Rasur ab. Nicht so ein Gesicht. Schon wieder zehn Minuten weg. Ich irre blicklos durch die Wohnung. Die Uhr beobachtet mich.

Dann sitze ich auf dem Küchenstuhl und rauche eine Zigarette nach der anderen. Bis ich endlich aufstehe und zur Tür hinausgehe, hinaus in die Dunkelheit, die Kälte, den Regen. Der Zug Richtung Rathaus Spandau geht um 5.25 und meine Leute sind schon alle da. Die Frau mit der Morgenpost und der Mann, der am Mülleimer an der Treppe raucht, bevor er seinen Platz auf dem Bahnsteig einnimmt. Der Gegenzug kommt und immer steigt der große dünne Hippie mit der lustigen Mütze aus. Vielleicht von der Nachtschicht. Zwei Minuten später kommt unser Zug, lädt uns ein für eine Station oder ans Ende der Welt. Schon nach ein paar Tagen sind wir alte Bekannte, frühe Freunde nach abgebrochener Nacht. Ich bleibe nur auf zwei Stationen, als probte ich es erstmal. Möckernbrücke steige ich um, und da kommt der Bursche mit dem Blaumann und der etwas zu kleinen Kapuzenjacke dazu, die Frau mit dem immergleichen schwarzen Wollmantel und Kopftuch. Und die Dame mit den weißgefärbten Haaren, aber die fährt Richtung Warschauer Straße. Oben wird sieben Minuten gewartet, denn der Zug nach Uhlandstraße ist eben weg. Die junge Frau mit den viel zu engen Jeans kommt immer erst in letzter Minute, sie trinkt auf Mittelerde noch Kaffee und raucht. Irgendwie schlauer als wir anderen, die im Zug stehen und frieren. Ich blicke die ganze Zeit Richtung Hallesches Tor, bis sich die Scheinwerfer in Bewegung setzen, immer näher kommen und mit ihnen das Klappern der Bahn. Drinnen ist alles in Ordnung. Bloß nicht der Frau da gegenübersitzen, sie sieht so schrecklich aus, aber nur bis Gleisdreieck. Niemand telefoniert lauthals. Kein Mensch entwirrt stundenlang die Strippen seiner Ohrhörer. In keiner Handtasche wird gewühlt. Wir sehen alle schrecklich aus. Im Fenster gegenüber spiegelt sich mein trostloses Gesicht, aber was kann ich tun? Ich könnte den Lippenstift nachziehen, und wenn ich aussteige, bleibt nur roter Strich auf Scheibe.
Vor dem Bahnhof Nollendorfplatz warnt der Lautsprecher vor der Lücke zwischen Bahnsteig und Zug. Dann nochmal auf Englisch, aber ohne "please". Unmöglich!
Auf dem Bahnhof Wittenbergplatz riecht es nach frischen Croissants und Kaffee. Die Frau mit dem Kopftuch und der Blaumann gehen ab Richtung KaDeWe.
Ich schleppe mich über den Platz. Die ersten Stände für den Wochenmarkt werden aufgebaut. Noch mehr frühe Vögel bei der Arbeit und tausend Krähen in den Bäumen.
Elf Wochen sind rum und all die Menschen werden sich fragen, wo ich wohl geblieben bin.
 

<