Das Leben ist reich an Entbehrungen
Seppo Kyrvilä übt sich in VerzichtOstern ist in diesem Jahr besonders früh, bereits im März. Bedauerlich für den rein weltlich orientierten Genussmenschen, der ein Picknick oder eine gepflegte Grillung zu schätzen weiß, für den praktizierenden Christen jedoch im Resultat egal, denn die Fastenzeit dauert immer gleich lang, 40 Tage nämlich. Und nicht nur Christen fasten. Ich kenne verschiedene Zeitgenossen, die die jahrhundertealte Tradition zum Anlass nehmen, die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst auf bestimmte Genüsse oder liebgewordene Gewohnheiten wie Alkohol oder Apfelkuchen, Autofahren oder Aufsmaulhauen zu verzichten. Sie tun das nicht, um sich für dieses und/oder jenes zu bestrafen oder gar aus purem Masochismus, es geht ihnen darum, den Alltag und die Genüsse bewusster zu erleben. Den Rest des Jahres leben sie dann zwar in der für Kreuzbergbewohner so typischen linksalternativen Bewusstlosigkeit, um nicht zu sagen Wachkoma, aber das gehört nicht hierher.
All dies müsste mich eigentlich nicht interessieren - ich nehme meine Mahlzeiten grundsätzlich in geschlossenen Räumen ein, praktiziere eventuell vorhandene Reste von Religiosität ausgesprochen pragmatisch und in Verzicht üben muss ich mich wohl oder übel nicht nur in knapp sieben von 52 Wochen des Jahres. Denn in Berlin-Kreuzberg zu leben, heißt, Entbehrungen auf sich zu nehmen.
Nicht, dass ich mich beklagen wollte. In meinem kleinen Heimatdorf unweit des Polarkreises ist auch nicht alles perfekt und in den anderen Berliner Stadtteilen wäre ich möglicherweise noch ärmer dran, in Prenzlauer oder Schöneberg, in Bies- oder Zehlendorf leben zu müssen ist eine geradezu apokalyptische Vorstellung. Da darbe ich dann doch lieber in Kreuzberg.
Ohne in lautes Wehklagen zu verfallen verzichte ich auf eine Politik, die sich den Interessen aller Bürger spürbar verpflichtet fühlt, ohne Murren lebe ich in einer Gegend, in welcher der gebotene Widerstand gegen das jeden freiheitsliebenden Menschen beleidigende Rauchverbot in Kneipen am häufigsten denunziert wird. Wenn es auch schwerfällt - ich entsage notgedrungen jener beruhigenden Gewissheit, dass ein gemütliches und liebenswertes Wirtshaus auch noch in der nächsten Woche zu Getränk und Fussballübertragung laden und nicht über Nacht geschlossen und verrammelt wird. Es ist nun einfach einmal nicht so, dass die hiesigen Gewässer zum Baden geeignet sind. Obwohl - eines habe ich mir vorgenommen: Ehe mich das Leben an einen anderen Ort verschlägt, will ich einmal den Landwehrkanal durchschwimmen. Das Ekzem sei mein Souvenir.