Erfinder unter sich
Juni 2008

Pfingsten 2008. Prima Wetter, ich habe alle Fenster aufgemacht, das Getöse der tanzenden, trinkenden Millionen und der Krankenwagen erfüllt den Raum, in dem ich arbeite. Ewig nicht gebügelt. Ich mache das schöne Hemd, das ich damals in Manhattan gekauft hab, 8th Avenue Ecke irgendwo und singe dazu munter: »Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon wieder da.« Erst den Kragen, dann die Ärmel, genau wie Mutti mir das beigebracht hat. Das Bügeleisen klickert erregt, schließlich muss die Betriebstemperatur gehalten werden. Milliarden von Frauen haben mein tiefes Mitgefühl, weil sie zu früh auf dieser Welt waren, um in den Genuss des elektrischen Bügeleisens zu kommen. Üble Schinderei, und ziemlich giftig obendrein. Ich bin jetzt beim Rücken, der ist wegen der Falte da oben nicht leicht, und ich rekapituliere meine Kenntnisse: Im Jahr 1888 - also vor 120 Jahren - stellte der Vorarlberger Erfinder Friedrich Schindler das erste elektrische Bügeleisen öffentlich vor. Ein Stoßseufzer der Erleichterung entrang sich all den Frauenherzen, allerdings wurde die Arbeit zwar leichter, aber sie wurde zugleich immer mehr - all die gestärkten steifen Kragen und jeden Tag eine frische Hemdbrust für den Gatten.
Mein Namensvetter ist 99 Jahre älter als ich, und war  bei meiner Geburt schon seit 35 Jahren tot. Früher hätte mich das zu allerhand Spekulationen über Identität und Krise angestiftet, heute aber bin ich ruhiger. Gibt eben zwei Friedrich Schindlers und fertig. Und Grund zum Neid gibt es nicht, denn erfunden hab ich schließlich auch schon mal was - den Restschuldverwerter Yesterday (s. Kiez und Kneipe März 2007 »Schere schneidet ohne Schuld«).
Die Brusttasche mache ich immer zuletzt, weil die am schwierigsten zu bügeln ist. Fertig. Ich hänge das Manhattan-Hemd auf einen Bügel. Ohne die Erfindung meines verehrten Kollegen Schindler würde es jetzt noch genauso scheiße aussehen wie vor einer halben Stunde, denn mit irgendwelchen glühenden Eisenstangen zum Reinschieben, Kohle- oder Gasbügeleisen würde ich bestimmt nicht arbeiten.
Gleich ziehe ich das Hemd an und gehe hinaus zum Karneval, werde aber nach einer halben Stunde feststellen, dass ich zu alt bin für so einen Quatsch. Und für jeden anderen auch.

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