Es lebe BerlinZu Pfingsten ist wieder Karneval der Kulturen und ich will doch nur nachhause. Es ist Donnerstagabend gegen zehn. Schon im 29-er Richtung Herrmannplatz sagt mir der Fahrer, dass der 41-er seit dem Morgen umgeleitet wird. "Fährt wie ich bis Moritzplatz." Weiter weiß er nicht. Am Anhalter Bahnhof, wo ich wie immer auf den 41-er umsteigen will, steht eine kleine Menschentraube an der Haltestelle und blickt Richtung Potsdamer Platz, denn von dort müsste er kommen.
Ich erinnere mich an letztes Jahr, als ich hier genauso stand. Dann kam der Bus, bog aber völlig unvermutet nach rechts in die Anhalter Straße ab. Mit Rennen nicht zu schaffen, wenn die Beine so tief in den Bauch gestanden sind.
Das soll mir heute nicht passieren. An der Haltestelle gibt es selbstverständlich keine Informationen über eine mögliche Umleitung, so rufe ich bei der BVG an, und da Sprache nun einmal alles ist im Umgang mit Dienstkleidungsträgern, erkundige ich mich sachlich nach "Maßnahmen im Bereich des Anhalter Bahnhofs im Zusammenhang mit der Buslinie M 41 Richtung Sonnenallee". - Volltreffer, der Mann lebt gleich auf: Wegen einer Großveranstaltung im Bereich Blücherplatz, zitiere ich ihn sinngemäß, seien folgende Haltestellen aufgehobenÖ Anhalter Bahnhof bis einschließlich Tempelherrenstraße, letztere mein Ziel. Der Mann sagt mir noch, wie die Umleitung geht und wo die Pfingsthaltestelle schräg um die Ecke ist, aber das weiß ich noch vom letzten Jahr, als ich direkt vor dem Hotel da entnervt in ein Taxi sprang, das sich im weiteren Verlauf einer anderen Umleitung heillos verfuhr. Das will ich diesmal billiger haben, also warte ich auf den Bus. Und warte. Es ist trocken und warm, ich kann ungestört pausenlos rauchen und meine Entspannungsübungen machen. Als der dritte Gegenbus Richtung Hauptbahnhof vorbeikommt, denke ich daran, wie ich vor bald zwanzig Jahren im Nordwesten Irlands bei 27 Grad Lufttemperatur im Atlantischen Ozean badete. Damals hätte ich bis New York durchziehen können und jetzt schaffe ich es nicht vom Anhalter Bahnhof weg.
Doch! In elegantem Schwung kommt der Bus aus der Stresemannstraße, nimmt mich auf und weiter geht die Fahrt Richtung Osten. Kurz vor der Wilhelmstraße geht der Funkruf aus der Zentrale ein: "Sag mal, Kollege, auf welchem fährst du jetzt?" - Der Fahrer: "Auf dem elften". - "Kann nicht sein, du müsstest der 14. sein." - "Als ich ihn heute übernahm, war er der elfte." Der Bus steht nun an der Haltestelle Wilhelm- Ecke Kochstraße und der Fahrer kramt in seinen Papieren. Die meisten Passagiere sehen aus, als säßen sie schon seit drei Stunden hier. Zentrale: "Dann melde dich mal neu an." - Fahrer: "Als was?" - "Als 14., würde ich sagen. Du bist spät dran". - "Ich weiß, wir fahren doch die Umleitung wegen dem Dings." - "Gute Fahrt, Kollege!" - Der Fahrer tippt an dem Gerät herum, aus dem sonst die Fahrscheine verkauft werden, er meldet sich also neu an, ganz wie geheißen. "Vierzehnter", sagt er, schüttelt milde den Kopf und klappt sein Fahrtenbuch zu. Biegt ab in die Kochstraße und immer weiter geradeaus, bis der Moritzplatz erreicht ist. Unterwegs hat er immer schön an den 29-er-Bushaltestellen Fahrgäste eingeladen, natürlich ohne ihnen zu sagen, dass das hier nicht ihr Bus ist. Das merken sie erst am Moritzplatz, als es durch die Prinzenstraße Richtung Hochbahn weitergeht. Dahinter ist die Straße für alle gesperrt, die nicht Anlieger sind, aber der Bus fährt da schön durch, schließlich ist er spät dran. Unten an der Baerwaldstraße biegt er nach links in die Urban und hat seine alte Strecke wieder. Eine so schöne Fahrt!
Ein etwas mürrisch wirkender Fahrgast will sich beschweren, weil er nicht im 29-er sitzt. Der Fahrer wehrt ab: "Zum Hermannplatz fahr ick doch och."
Die dreihundert Meter zu meinem kleinen Dichtercafé in der Blücherstraße schaffe ich leicht, denn dort warten ein paar Bierchen. Am Tresen sitzen fünf Nahverkehrsexperten und diskutieren die Umleitung des 41-er Busses und ihre ersten Erfahrungen.
Wie das manchmal so ist, hier bei uns in Kreuzberg.Juni 2011
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Der Autor auf dem Weg nachhause, allein.