Gefrorene Gemüter, zerstörte Seelen
Seppo Kyrvilä freut sich auf den WinterMan hatte mich gewarnt: „Erst, wenn Du den ersten Winter in dieser Stadt überlebt hast, dann bist Du wirklich angekommen.“ Nun komme ich ja bekanntlich aus jener Gegend, in welcher der durchschnittliche Mitteleuropäer gemeinhin des Weihnachtsmanns Heim vermutet. Der Winter dort ist lang und kalt, vor allem jedoch dunkel. Also nahm ich an, dass mir die kalte Jahreszeit in Berlin nichts anhaben könnte. Ich legte mir daher keinen Notvorrat an Psychopharmaka an. Das war ein Fehler. Es wurde kälter und kälter, anschließend noch viel kälter. Und die Kälte ließ die ohnehin gewöhnungsbedürftigen Gemüter der Ureinwohner gefrieren. Die Stimmung meines im Sommer noch leidlich umgänglichen Zeitungsverkäufers kippte zusehends ins slawisch-depressive, die Motzverkäufer in der Untergrundbahn wechselten vom klagenden zum aggressiv fordernden Tonfall und selbst die Hunde schienen nur noch in duldender Pflichterfüllung die Bürgersteige zu bekoten. Und über all das Elend wollte keine überirdische Macht eine anmutige Schneedecke legen. Allenfalls ein dünnes Geriesel mikroskopisch kleiner Eispartikel machte dem unfrohen Fußgänger das Leben zur Hölle. Eisige Ostwinde pfiffen durch die Häuserschluchten. Eigentlich fehlten nur noch Wölfe. Ich begriff nur allzu schmerzhaft jene Warnung, über die ich an einem goldenen Oktobertag noch leise geschmunzelt hatte.Es kam eine freudlose Vorweihnachtszeit. Die Tage um die Jahreswende wurden von mittlerweile seelisch entmenschten Bevölkerungsgruppen dazu genutzt, einander mit Silvestersprengkörpern nach dem Leben zu trachten und im Laufe des Januars wurden in den Baumärkten die Stricke knapp.Ich litt, wie ich in meinem kleinen Dorf unweit des Polarkreises noch nie gelitten hatte, und spielte ernsthaft mit dem abwegigen Gedanken, zum ersten Mal in meinem Leben ein Solarium zu betreten. Nur meine Bedenken gegen die übliche Klientel solcher Einrichtungen ließen mich zögern.
Im März schließlich war mir alles egal. Ich packte, wie der Berliner zu sagen pflegt, die Badehose ein und machte mich auf den Weg. Als gebrochener Mann mit Sporttasche unterm Arm trat ich auf die Straße - und plötzlich war Frühling. Von einem Moment auf den anderen wurde es warm, die Sitzplätze vor den Gastwirtschaften füllten sich zügig mit Berlinbewohnern, die etwas taten, was sie längst verlernt zu haben schienen: Sie lächelten. Ich begann entspannt zu flanieren und spürte unter meinen Sohlen etwas Nachgiebiges, Klebriges. Schlagartig erkannte ich den einzig vorteilhaften Aspekt des Winters in der Stadt: Die allgegenwärtige Hundescheiße ist tiefgefroren.