Mann aus Glas
November 2005

Ich kann mit den Ohren wackeln, schlage einen ganz ordentlichen Purzelbaum und wenn der Wind günstig steht, sehe ich gut frisiert aus. Aber sonst? Ich habe keinen Investmentfond, keine Mikrowelle, mein Handy ist fünf Jahre alt und ich habe noch einen Plattenspieler. Ich brauche kein Kokain, kein Speed, kein Viagra und wenn es hoch kommt, trinke ich abends mal ein Bier und morgens was mit Aspirin. Ich interessiere mich nicht für Fußball und mit fernsehen kann man mich jagen außer Tatort. Meine Wohnung sieht aus wie frisch evakuiert und Frauen finden mich langweilig. Neulich hätte ich fast eine kennengelernt. Ich sitze in einem kleinen Café auf der Gneisenaustraße. Quatsch, ich sitze im Backbord und mir gegenüber eine Frau. Sie liest Zeitung und als sie damit fertig ist, beginnt sie mich zu fixieren. Sie trägt eine Sonnenbrille und eine von diesen Baseballmützen, aber ich weiß es genau, sie schaut in mich, durch mich. Ich komme mir vor wie dieser gläserne Mensch im Hygiene-Museum in Dresden. Kann man alles sehen: Hirn, Gedärm, Magen und was da sonst noch drin ist. Die Frau fängt mit meinem Kopf an und sie kann meine Gedanken sehen. Nichts Interessantes dabei, denkt sie und guckt weiter unten. Das Herz findet sie zu klein und das Zucken im Mundwinkel verrät mir: Sie nicht will, dass es für sie schlägt. Sie sieht nur noch den pumpenden Muskel und kräuselt unter dem Schirm die Stirn, als sie meine Kranzgefäße sieht. Sie nimmt die Brille ab. Sie ist jetzt an der Lunge und ich sehe ihre vor Schreck geweiteten Augen auf der Suche nach einem Plätzchen frei von versteinerter Kruste. Sie guckt weiter und nimmt hastig einen tiefen Schluck - da schau an, die Leber! Riesengroß und nass wie ein Schwamm treibt sie unzufrieden im Leib des Mannes. Die Frau senkt den Blick, schüttelt den Kopf und ruft  entschlossen nach der Rechnung. Ich halte es nicht mehr aus, ich springe hoch, renne so schnell ich kann, ich bin ja verloren. - Lauflauflauf, Mann aus Glas, lauflauflauf! Ich spüre von hinten ihren gleißenden Blick. Sie sieht jetzt mein Steißbein, aber das müsste eigentlich noch ganz okay sein.

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