Glatt aber sexyVor dem "Café am Meer" in der Kreuzberger Bergmannstraße wurde der vereiste Gehweg mit Kaffeesatz gestreut. Unklar, ob zu dem Zeitpunkt Sand und Salz in der Stadt schon ausverkauft, es Bequemlichkeit oder Geiz waren - schön stumpf jedenfalls. Das war nicht überall so, und es ist längst klar, wer die Schuld hat an diesem unglaublichen Debakel - die Neujahrsspaziergänger. Das kam so: Am Morgen des 1. Januar lag der Neuschnee 20 Zentimeter hoch, die privaten Räumdienste kamen mit der Situation nicht klar, wer rechnet im Winter denn mit Schnee. Überfordert waren auch die vielen Hauswarte, lagen sie doch betrunken zu Bett, wie es sich gehört für die Zunft.
Gegen neun Uhr früh machten sich die ersten Spaziergänger auf den Weg ins Neue Jahr und taten das fast Unaussprechliche, sie traten den Schnee fest. Dass der dann mal antaute, wieder überfror und ein ordentlicher Haufen Neuschnee dazu kam, führte zu jener Schollen-, Dünen- und Mondlandschaft, die die Gehsteige so unpassierbar machte, dass Krankenhäuser das Zählen ihrer Knochenbruch-Patienten längst eingestellt haben.
Ganz schlecht obendrein, dass der Neujahrstag auf einen Freitag fiel. So hatte die garstige Natur zwei weitere Tage Zeit, sich gegen Mensch und Maschine zu verschwören. Was folgte, war eine nicht enden wollende Debatte darüber, wer wann für was zuständig ist, unter welchen Bedingungen Radwege und Bushaltestellen zu räumen sind und immer so weiter. Zu dem Zeitpunkt aber wäre dem Chaos nur noch mit dem Flammenwerfer beizukommen gewesen. Geschehen ist das leider nicht.
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Wie so etwas auch gehen kann, zeigten die Verantwortlichen der Berlinale, die ein paar Tage vor Festivalbeginn erkannten, dass die Schande zu groß wäre vor dem Publikum aus aller Welt. Und wer versaut sich schon gern den roten Teppich. So heuerten sie 40 Leute einer in Berlin wohlbekannten Müllfirma, und die hat das an den großen Spielstätten am Potsdamer Platz, am Friedrichstadtpalast und andernorts reguliert. Dass sie dabei an Presslufthämmer erinnerndes schweres Gerät einsetzen musste, lag zu dem Zeitpunkt in der Natur der Sache. Das Beispiel zeigt, dass da was zu machen ist, wenn man ein paar Scheine in die Hand nimmt.
Ebenfalls nach etwa sechs Wochen und großer Hilflosigkeit entschied sich der Berliner Senat für eine "Task Force" (was sonst) aus offenbar unterbeschäftigten Hausmeistern und Pförtnern, die sich des Eises vor Rathäusern und anderen Verwaltungsgebäuden annehmen sollte. Die armen Kerle, Presslufthämmer oder was in der Art haben die bestimmt nicht, und Steineklopfen ist die einzig vergleichbare Tätigkeit. Angefangen haben sie beim Dienstsitz der Justizsenatorin im Schöneberger Nordsternhaus. Wer dort zu tun hat, sollte kurz davor nicht ausrutschen, das ist verständlich.
Doch die Stadt ist zu groß und der Job ist es auch, selbst wenn inzwischen Arbeitslose für die Stadtreinigung, Strafgefangene für den Senat und Leute der Reklamefirma Wall für den eigenen guten Ruf ins Eishacken eingestiegen sind. Sie kommen viel zu spät.
Alte Menschen und Leute in Rollstühlen sind seit Wochen kaum auf der Straße, hier und da ein paar Frauen mit Kinderwagen, und in deren Haut möchte kein anderer Mensch stecken. Kein Mensch möchte auch nur in der eigenen Haut stecken, unterwegs in dauernder Gefahr und außerstande, dem wirklich zynischen Aufruf zu folgen, bei den herrschenden Verhältnissen besser zuhause zu bleiben. Und das ist eben nicht nur in Kreuzberg so, das vielen ortsfesten Querulanten als aufgegebenes Elendsquartier für verlorene Existenzen gilt - die "Abendschau" berichtete kürzlich von einem Großeinsatz auf der teuren, aber wochenlang kaum begehbaren Tauentzienstraße, an der immerhin Häuser wie das KaDeWe ihr Geld verdienen.Berlin zeigt sich in diesem Winter als wirklich verarmte, arme Stadt, die kein Geld mehr ausgibt für das Nötigste - die Gesundheit und Mobilität ihrer Menschen.
Natürlich ist Wowereit ebenso wenig schuld wie die Stadtreinigung, die BVG oder die Akademie der Künste. Es sind die Neujahrsspaziergänger.