Gülle für den Plan
September 2007Ich hab null Ahnung, was ich für einer bin. Ich sitze hier auf Pellworm und habe keinen Plan. Nordsee eben.
Die schönen, etwas kritischen Einheimischen reden ungewohnt viel und aufgeregt über eine Güllelagune. Güllelagune - was für ein großes Wort. Und ich weiß natürlich längst (und als einziger Kreuzberger weltweit), was das ist. Das ist nämlich, wenn einer eine Schweinezucht machen tut und nicht wissen muss wohin mit die Scheiße. Hauptsache die Gemeinde zahlt, nein, die EU.
Pellworm ist von Beruf »Nordseebad« und wenn die Schweinefabrik kommt, werden sich die Touristen wohl kaum in den unvorstellbaren Gestank setzen und auf die Sonne warten oder was hier sonst so angeboten wird. Ganz schön was los an der Nordseeküste: Pellworm kein Seebad mehr und Sylt wird vom Blanken Hans gefressen. Fast so schlimm, als würden sie zuhause das Prinzenbad schließen.
Die Seeluft hat meinem Hals gut getan, in dem ich seit Jahren geheimnisvolle Beschwerden habe. Ich mache allerhand zur Linderung, ich rauche zum Beispiel nur noch Mentholzigaretten und trinke Salmiakschnaps, den ich mir nach einem Rezept meiner schlesischen Großmutter selbst aufsetze. Ich nenne ihn »Schindlers Rache«, weil er genau das ist.
Jetzt allerdings sitze ich in einem Parkhaus im fernen Wilmersdorf. Die Sonne hat den ganzen Tag auf das viel zu flache Dach geknallt und das Gift in der Luft ist beträchtlich. Ich warte darauf, dass eine Freundin mit ihrem Kater und dem Tierarzt fertig wird. Ich guter Mensch hatte die beiden hergefahren, damit das Ziehen der Zähne halb so schlimm wird. Ich kann einfach nicht aussteigen, obwohl ein großes rotes Schild an der Wand dazu dringend auffordert. Es ist so heiß. Zwei orange Männer von der Stadtreinigung schleppen einen Kasten Bier vorbei. Mein Salmiakhirn schwappt nervös in der Schale und ich nehme endlich die Brille ab. Wer will denn das alles sehen.