Herbst #5684Am Paul-Lincke-Ufer war ich seit Jahren nicht. Wie üblich bin ich zu früh dran und stehe herum. Freitagmittag an der Kottbusser Brücke. Drüben tobt der Wochenmarkt, hier die Müllabfuhr. Der Kanal dazwischen weiß von nichts, seine kalte Brühe suppt träge mal nach links, mal stromab.
Die Sonne scheint kühl und ganz freundlich auf mich und all die Menschen, doch wir fürchten den Herbst, der uns so scheinheilig stärkt für den Winter in der Stadt, wieder durch nichts aufzuhalten und alle wissen das. Ein halbes Jahr kalter, nasser Dreck und dauernd dunkel.
Richtig, mein Termin. 2. Hof, 4. Stock. Der Aufzug ist... Die Kabinentür kracht hart und ich glaube nicht, dass sie mich jemals wieder hergibt. Es ruckt und los geht die Fahrt. Die Schachtwand schleicht vorbei. Das kann er nicht schaffen. Ich lese es auf der Tafel, unter den Knöpfen: Otis-Aufzüge Baujahr 1911. 98 Jahre alt das Ding. Es kracht wieder und die Kabine steht, wenn auch fast ungebremst, an unserem gemeinsamen Ziel.Zwanzig Minuten später bin ich da oben fertig und lungere wieder auf der Brücke herum, mit der Kippe zwischen den Lippen und bereit, aus einem Trittbrett-Citroën erschossen zu werden. Wo wenn nicht hier.
Mit dem Aufzug bin ich nicht nochmal gefahren, so ein paar Treppen tun der Gesundheit gut, wie ich weiß. Und jetzt?
Die Brücke bietet allerhand für Leute, die nichts zu tun haben als einen kleinen Gang am Kanal: Neukölln, Kreuzberg West und Kreuzberg Ost. Ankerklause für den frühen Rausch. Drüben das Elektrogeschäft, das auch alles fürs Fahrrad hat.
Ich stehe am Geländer, natürlich ohne es zu berühren, und starre auf den Kanal. "Billie Joe McAllister jumped off the Tallahatchie Bridge" springt mir in den Kopf. 1967 war das und ich noch ein Bub. Das Stück war mir damals unheimlich mit seinem coolen Südstaaten-Beat und heute weiß ich warum. Bobbie Gentry besingt die Selbsttötung eines jungen Menschen völlig unverstrickt mit dem banalen Alltag.
So hart geht es auf der Kottbusser Brücke nicht zu. Ich wende mich dennoch von ihr ab und folge der Sonne, westwärts, immer westwärts, bis es weiter nicht gehen muss, also Blücherstraße. Ich bestelle Bier und schau den anderen beim Trinken zu.
Ein paar Drinks noch, dann geh ich Blumen pflücken und werfe sie in den Kanal - für Billie Joe, von dem niemand weiß, warum er damals von der Brücke sprang.November 2009