Herr Ober, da ist ein Haar in
meiner Frühlingssuppe!
Seppo Kyrvilä freut sich, dass der Winter vorbei ist

Ich bin kein Meteorologe und auch kein Prophet. daher kann ich natürlich nicht mit letzter Sicherheit vorhersehen, ob sich in diesem Monat der Frühling durchsetzen wird. Doch einige Erfahrung spricht dafür. Ich genieße es sehr, in meiner nicht mehr ganz so neuen Zweitheimat Berlin im April schon mal ein Außenbier einzunehmen und dabei die Berlinerinnen in immer legerer werdender Oberbekleidung betrachten  zu können. In meiner echten Heimat unweit des Polarkreises  sind die Menschen dieser Tage noch durch wärmende Winterkleidung verhüllt und in einem Straßencafé würde zwar das Getränk nicht zu schnell warm, aber man liefe Gefahr, sich eine ganz ganz böse Erkältung zuzuziehen.
Da bin ich doch ganz gerne hier, schaue den vom Bürgermeister Dr. Schulz in heroischem Einsatz geretteten Bäumen am Kanal beim Ausschlagen zu, bringe den im Winter stets griffbereiten Strick auf den Speicher und fasse zumindest den Ansatz des Gedankens, dass man sich ja eigentlich auch mal wieder auf die Suche nach einer geeigneten Partnerin machen könnte. Frühlingsgefühle eben.
Mit denen stehe ich nicht alleine da. Um mich herum verlässt der gemeine Berliner allmählich den seelischen Kokon der brutalen Blutrunst und wird bis zum nächsten Frosteinbruch zum Jahresende nur mehr der normalmürrische Grobian sein, der er nun einmal ist.
Aus anderen Gegenden Deutschlands werden wahre kollektive Freudenausbrüche gemeldet und so kann es kaum verwundern, dass die schönsten Stücke deutschsprachiger Lyrik den Frühling zum Gegenstand haben: Vom Blauen Band und süßen, wohlbekannten Düften dichtete der schwäbische Pfarrer Mörike und der Säulenheilige der Deutschen, Johann Wolfgang von G. aus F. fand die herrlichen Worte: »Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick«.
Nun gelten ja die Deutschen als das Volk der Dichter und Denker, doch der großen Mehrheit scheint es nicht gegeben, das Erwachen der Natur in Hymnen zu preisen und sich vorbehaltlos zu freuen. So ist es hierzulande: Es wäre doch gelacht, wenn sich in der Frühlingssuppe nicht doch ein Haar finden ließe.
So gibt es einen Zweisatzdialog, der zu Frühlingsbeginn landauf landab täglich millionenfach aufgeführt wird: 1: »Die Sonne hat ja schon ganz schön Kraft.« 2: »Ja, aber die Luft ist noch sehr frisch.« Und wenn es dann endlich richtig warm ist, dann höre ich in der BVG, auf der Straße und in der Schänke täglich mehrfach den Stoßseufzer: »Ist ja schön jetzt. Aber dass das so plötzlich kommen musste...«

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