HundelebenDie große gelbe Schlange klappert westwärts und die Nacht liegt noch kalt auf der Stadt. Möckernbrücke ist abgefertigt und weiter weiter geht die Fahrt zum Gleisdreieck. Letzter Bahnhof in Kreuzberg. Ich sitze mit dem Rücken nach Süden, blicke also auf das Familiengericht, das Tempodrom und was es da noch alles zu sehen gibt bei dem schlechten Licht. Gleisdreieck. Der Zug hält und heute habe ich wieder Glück. Durch das Fenster kann ich die wunderschöne Schrift auf einem der Stationsschilder betrachten.
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Die Tür springt auf und herein kommt Hund mit Herrchen. Ich weiß nicht, was für ein Hund das ist, aber es ist ein Listenhund. Also gefährlich genug für einen Maulkorb. Herrchen sieht viel gefährlicher aus, und ich stelle mir vor, wie lange es braucht, dem Hund seinen Korb herunterzureißen und "Fass!" zu rufen. Sein Finger zeigt dabei auf mich. Keine zwei Meter. Schluss mit Glück für heute. Hund schaut auf zu Herrchen und Herrchen zu mir runter. Es trägt diese Stiefel. Ich krame in meiner Jacke und finde ein Taschentuch und ich trockne mir unauffällig den Schweiß von den Händen. Herrchen belauert mich. Draußen zieht der Golfplatz vorbei und darüber die Lichter vom Potsdamer Platz. Gleich ist Kreuzberg zuende und der Zug verschwindet in rascher Fahrt im Tunnel und Ende der Hochbahn. Nichts mehr zu schauen. Nichts auf der Welt als Herrchen, Hund und ich. Wo soll ich denn hinsehen. Aus dem Fenster gegenüber starrt mich mein Angstgesicht an. Der Boden gibt keinen Halt, er weist mein Wasser ab wie Öl. Hund zieht an Leine, wie ich aus dem Augenwinkel weiß, aber Herrchen hält sie mit eiserner Faust. Kurfürsten ist durch, also noch zwei Stationen. "Nollendorfplatz", sagt die Stimme vom Band und informiert mich zusätzlich über eine gefährliche Lücke zwischen Zug und Bahnsteig. Halb so schlimm, ich steige da nicht aus. Der Zug hält und die Tür fährt auf, herein kommt eine schöne Frau im Mini aus Leder, und das bei dem Frost da draußen. Geht auf Herrchen zu, die beiden begrüßen sich zärtlich, und der Hund springt an ihr hoch. Sie streichelt ihm den Riesenkopf und sagt: "Guten Morgen, Alfie!" Alfie knurrt verzückt. Die beiden Menschen unterhalten sich angeregt, aber unerwartet leise. Der Hund blickt interessiert zu ihnen hinauf, als könnte er dem Gespräch folgen. Ich lockere die Faust um mein Taschentuch, die weißen Stellen über den Knöcheln verschwinden schnell. Ich stehe schon mal auf, denn gleich steige ich aus. Die drei sehen mich kurz an. Kein Interesse.
Januar 2009
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