Gute Nacht, Hupe
Oktober 2007Ist schon an die zwei Jahre her, als meine schöne Shanghai-Klingel vom Lenker fiel, verrostet und erschöpft von der vielen Arbeit. Seitdem hatte ich einen Traum: Ich wollte eine Ballonhupe, also so ein Ding mit Gummiball und Trichter. Nicht leicht zu kriegen, aber vor vier Wochen war es soweit. Im fernen Schöneberg durchstreifte ich einen Resteladen auf der Suche nach etwas anderem, und in der sogenannten Fahrradabteilung fand ich neben unbrauchbaren Sätteln und gemein aussehenden Regenjacken ohne Kapuze das passende Stück. Giftgrün und aus billiger Plaste, aber allerliebst im Ton - ich hab‘s gleich da im Laden ausprobiert, bis mich die nervlich völlig zerrüttete Kassiererin aufforderte, das doch bitte zu lassen.
Bei der Montage zeigte sich, dass die Schelle zur Befestigung am Lenker zu groß war, also besorgte ich mir Klebeband, dessen üppiges Rot nicht recht passen wollte zum Grün der Hupe und dem kühlen Blau des Rades. Ich umwickelte die Schelle knäuelartig und erzeugte so eine Verbindung mit dem Lenker, die zerstörungsfrei nicht zu lösen war.
Ich drehte eine Proberunde und begann sofort mit dem Komponieren einiger Huprufe, geordnet nach Gefahrenklassen und Tageszeit. Die Hupe entwickelte sich in der Gegend bald zur Freude für Groß und Klein, alle wollten mal und ich ließ sie.
Meine Hupe und ich hatten ein sehr herzliches Verhältnis; wenn ich morgens ans Rad trat, rief ich: »Guten Tag, Hupe!« und antwortete mit einem leichten Tick auf die Ballonspitze, was dem Mautzen eines hochläufigen Katers sehr nahe kam. Nahm ich den Ballon zwischen Daumen und Zeigefinger und drückte einmal fest zu, kam dabei etwas heraus, dessen Assoziationskraft hier leider unvertieft bleiben muss.
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Es kam der Tag, da ich im Chamissokiez zu tun hatte, ein Treffen in der Fidicinstraße, nicht länger als es dauert, ein Glas Apfelschorle leerzutrinken. Danach rollte ich tatenlos den Berg hinab und da sah ich es erst! Hupe weg! Nur ein klebriger Rest des roten Bandes schaute zu mir auf, mehr nicht. Und so plötzlich.
Kein Mensch wird gern bestohlen. Wer kennt nicht diese erdmittelpunkttiefe Kluft zwischen Täter und Opfer - er hat etwas, das ihm nicht gehört, und ich habe keine Hupe mehr. Ich bin seitdem so traurig. Dass mir das ausgerechnet im Chamissokiez passiert ist, finde ich halb so schlimm, böse Menschen gibt es schließlich überall.