Ich und ich
Januar 2007

Ich hatte mich noch nicht erholt von meinen vorweihnachtlichen Schwächezuständen, als ich geschäftlich in einem Raum zu tun hatte, in dem gerade ein Seminar zuende gegangen war, über das ich nichts wusste als das, was ich jetzt sah.
Die Leute hatten ihre Namensaufsteller auf den Tischen zurückgelassen, so als könnten sie einfach von hier fortgehen, ohne ihre Namen mitzunehmen.
Ich schreite die Schilder ab im Innern der hufeisenförmig aufgestellten Tische, Annette Krüger war hier gewesen und ein Günther Baumann. Ältere Leute. Am sechsten Schild fährt mir ein Schrecken ein, der jeden anderen guten Mann für immer niedergestreckt hätte. Vor mir steht ein Schild mit dem Namen Friedhelm Schindler darauf (siehe Abbildung unten).
Was will dieser Mann von mir? Er lässt seinen Namen hier, und ich weiß nicht, was ich damit soll. Er will mich verunsichern. Wer bin ich wirklich? Bin ich jener Friedhelm? Jedenfalls ist er ein Schindler, aber das bin ich doch auch, oder? Er will mich fertigmachen, soviel ist sicher. Er will mich.

Ich packe endlich das blassrosa Schild, knülle es, zerreiße es, trampele darauf herum. Jetzt hab ich es, ich mach ihn fertig und sonst gar nichts! Ich ihn! Jetzt.
Der Januar ist mein längster Monat. Manche Menschen haben mit dem November Probleme, die Bäume sind kahl und die Erinnerungen an den Sommer noch wach. Die Selbstmordraten nach Monaten sortiert geben ihnen recht. Der November ist nicht leicht, zugegeben, aber er ist nichts gegen meinen Januar.
Ich durchschreite ihn wie ein frischer Leichnam auf dem Weg zum Himmelstor; ich klopfe an, die rostige Pforte öffnet sich einen Spalt. Ein freundlich lächelnder Engel mit eng anliegenden Flügelchen steht da und sagt: »Verpiss dich, du Wichser.« So ist der Januar.
Ich stehe hier rum und starre aus dem Fenster. Es regnet und stürmt wie verrückt und es ist so dunkel. Kein Wetter zum Hinausgehen. Ich würde auch nicht hinausgehen, wenn die Welt voll Sonne wär. Und der Eismann lustig winkt und mir eins umsonst verspricht. Ich gehe vom Fenster weg und drehe mich vor dem Spiegel, ich lasse die Arme kreisen und den Kopf dazu, linksherum und hoppsassa!
Die Welt ist schlecht zu mir, aber was habe ich denn getan? Nichts, oder fast nichts: Ich habe mit dem Sturm getanzt und in den Regen geweint.

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