Das Imperium hat gnadenlos zurückgeschlagen
Seppo Kyrvilä ist kein Fremder mehr

Ich kann nicht mehr. Und dann sollte man es gut sein lassen. Seit März 2005 habe ich für die KuK den Berliner, den Kreuzberger Alltag mit den Augen eines Fremden beobachtet. Meistens fröhlich, immer neugierig.
Fröhlich bin ich immer noch gelegentlich, neugierig immer. Doch fremd, so ehrlich muss ich mir gegenüber sein, nur ein Fremder bin ich nicht mehr.
Im Kalten Krieg machte das furchterregende Wort von der Finnlandisierung die Runde. Ich hatte nie vor, Berlin, nicht einmal Kreuzberg, zu finnlandisieren. Dennoch hat das Imperium gnadenlos zurückgeschlagen. Ich bin rücksichtslos berlinisiert worden.
Das geht beim Menschen nicht wie beim Auto. Da ist die Sache kurz und schmerzvoll: altes Zulassungsschild ab, B-Nummer drauf, und zack ist es eine Berliner Karre, die von Stund an von ihren Artgenossen abgedrängt und angehupt wird. Beim Menschen geht die Berlinisierung schleichender. Erste Alarmsignale habe ich schon vor Jahren entdeckt und mit den KuK-Lesern geteilt. Ich war seinerzeit ernsthaft von mir selbst überrascht, als ich zum ersten Mal einer Greisin die Kiosktüre mit den Worten »Kommse rin, junge Frau« aufhielt.
Bald darauf verlor ich die skrupulösen Zweifel, ob das Tragen von Trainingshose und Badelatschen im öffentlichen Raum statthaft sei. Ich bin ja schließlich nur Schrippenholen und nicht auf Brautschau. Ist außerdem auch praktisch - Hundescheiße geht wirklich leicht wieder ab von Gummischlappen. Dann hörte ich auf, durch das Abend- und Nachtleben zu streifen. Ich fand eine Stammkneipe,  in der ich eigentlich immer anzutreffen bin, wenn ich nicht gerade am Arbeitsplatz oder im Bett weile. Den anderen Gästen geht es genauso. Wir sind eine mürrische große Familie. Alles ist gesagt, bereits mehrfach. Auch mit der Bedienerin muss ich nicht mehr sprechen, sie weiß, was ich aus welchem Glas trinke, und wie schnell, und fängt wortlos die Biere an. Schweigend kann ich mir Gedanken machen, wie ich meinen Weg zum echten Vollbildkreuzberger weiterverfolge.
Soll ich anfangen, Schulli und Futschi zu trinken, arglose Passanten rechthaberisch anpflaumen und mir einen hässlichen Hund kaufen? Oder soll ich mich mehr der linksliberalen Leitkultur annähern und die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, um endlich auch die Grünen wählen zu können? Die stellen ja einen vorbildlichen Bezirksbürgermeister und sollen, wie man hört, bei der nächsten Bundestagswahl ein absolutes
Nachwuchstalent an den Start bringen?
Auf jeden Fall bleibe ichda, nur eben als Einheimischer. Vielleicht werde ich ja eines Tages auch meinen eigenartigen finnischen Akzent los.

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