Die Lust am jünger werden
Kreuzberger Alterspyramide / von Seppo Kyrvilä

"Immer Ärger mit der Pyramide, so stöhnte schon Cheops", ein altägyptischer Bauherr, der sich für die Zeit nach dem Lebensabend ein beeindruckendes Eigenheim in den Wüstensand stellen ließ. Auch Deutschland stöhnt und ächzt der Pyramide halber. Jene jedoch, die hierzulande für Verdruss sorgt, ist kein exzentrisches Bauwerk sondern ein Abstraktum - die Alterspyramide. Dennoch sehen viele Menschen in ihr das Grabmal des deutschen Sozialstaats. Die Sache ist so einfach wie fatal: Die Gesellschaft überaltert, immer mehr alte stehen immer weniger jungen Leuten gegenüber.
Die Folgen sind bekannt: Die Regierung hat, wenn auch spät, die Notbremse gezogen und schmerzhafte Einschnitte in die Sozialsysteme verordnet. Doch langfristig sind die noch aus Bismarcks Zeiten stammende Kranken- und Rentenversicherung nur überlebensfähig, wenn es wieder Arbeit für alle gibt, wenn deutlich mehr Kinder geboren werden und wenn die Alten länger arbeiten oder früher sterben. Eine düstere Perspektive!
Doch ein Licht der Hoffnung leuchtet im Berliner Süden: Während der Rest des Landes dem Problem begegnet wie das sprichwörtliche Karnickel der ebensolchen Schlange, beschreitet man in Kreuzberg innovative Wege. So wie "Hegel seinen Marx vom Kopf auf die Füße" stellte, so kehrt man hier die Demographie mit sprachlichen Mitteln um. Der elfjährige Nachwuchsmacho spricht seine Kumpane kurzerhand nur noch mit "Alter" oder "Ahldärrr" an. Dafür wird der hundertjährigen Greisin die Ladentür mit den Worten: "Kommse rin, junge Frau" aufgerissen. Das Volk der Dichter und Denker besinnt sich der Macht der Worte.

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