Kellnerinnen und Kleinkinder zuerst
Seppo Kyrvilä hat ölige Striemen auf seiner hellen SommerhoseBerlin ist ausgesprochen flach. Die höchste Erhebung im Stadtgebiet ist ein zugegebenermaßen beeindruckender Schutthaufen. Der unserem Stadtteil namensgebende Kreuzberg ist zwar natürlichen Ursprungs, aber kein Berg im eigentlichen Wortsinn. Vor Jahren musste ich feststellen, dass ein Gipfelsturm keinerlei alpinistische Herausforderung ist: In klobigen Bergschuhen und zünftigen Kniebundhosen stand ich nach einem wenig anstrengenden Aufstieg von einer guten Viertelstunde enttäuscht vor einem Kriegerdenkmal und fragte mich, was an einem Stadtteilnamen wie »Kreuzhügel« eigentlich so verkehrt sei.
Mit dem Bergwandern ist es also nichts in der Hauptstadt. Das ist an sich ja auch kein Makel. Es gibt ganze Länder, in denen das so ist - beispielsweise die Niederlande. Und was treibt der gemeine Holländer, wenn er gerade einmal nicht Käse produziert, Tulpen pflückt oder Rudi Völler anspuckt? Er fährt Fahrrad. Das haben sich viele, allzu viele Berliner abgeschaut. Denn leider ist es ihnen nicht gegeben, nach Holländerart stillvergnügt und unaufgeregt vor sich hinzuradeln. Gut, da gibt es diesen grauhaarigen Juristen aus 36, der im Vorfeld von Bundestagswahlen sanft durch die Kieze rollt.
Doch der durchschnittliche Restberliner benimmt sich auf dem Fahrrad derart aggressiv, als habe er einen tiefen Schluck aus der Testosteronflasche des Herrn Landis genommen. Geschwindigkeitsbesessene Pfeifen im Windschatten von Kleintransportern in halsbrecherischem Tempo über die Hauptverkehrsachsen. Gruppen von Passanten, die sich anschicken, einen Bus zu besteigen, werden gnaden- wie skrupellos gesprengt. Selbst in kleinste Lücken in der Außenbestuhlung von Cafés und Wirtshäusern stoßen die Zweiradterroristen auf der Suche nach neuen Opfern - Kleinkindern und Kellnerinnen zumeist. Sachliche Kritik an derlei Umtrieben wird in der Regel mit rhetorischen Perlen vom Kaliber »Auf die Fresse, du Wichser?« quittiert, dramatisch betont mit drohend erhobenem Bügelschloss.
Auch die Flucht in die Tunnel der Untergrund- oder Schnellbahn erweist sich rasch als Fehler. Fahrräder über Fahrräder. Sie werden dazu benutzt, den Eiligen auf der Rolltreppe aufzuhalten, in den Waggons Durchgänge und Türen wirksam zu verstellen und anderen Passagieren durch Umfallen Prellungen zuzufügen oder zumindest auf deren Kleidern eine Art öligen Dirty Sanchez zu hinterlassen.
Fahrräder sind in Berlin weder Sportgerät noch Fortbewegungsmittel. Sie sind Waffen im Bürgerkrieg des Alltags.