Kreuzberg, Oberbayern
Seppo Kyrvilä kommentiert ein folkloristisches Wahlergebnis

Der Kreuzberger ist ein Erzkonservativer. Wir sind das Oberbayern der Metropole. Der gesamte Wahlkampf war vertane Zeit und Mühe. Während die Republik sich zum ersten Mal seit Langem ernsthaft mit politischen Inhalten und Konzepten beschäftigte und sich dann entschloss, keine haben zu wollen, war für das örtliche Stimmvolk alles klar: Wir wählen Ströbele, unsere links-alternative Ein-Mann-CSU. Im Kiez ohne Namen fuhr der graue Radler ein Erststimmenergebnis ein, das selbst manchen Christsozialen vor Neid erblassen ließe: fast 70 Prozent. Mir san hoit mir! Wahlergebnisse spiegeln, wie wir Völkerkundler sagen, Mentalitäten wider. Ein Erfolgsgeheimnis der Staatspartei im Land zwischen Main und Alpen ist ihr krachledern- folkloristisches Auftreten. In 15 von 16 Bundesländern werden, wie auch im Rest der westlichen Welt in großer Mehrzahl Männer und Frauen gewählt, die leidlich der jeweiligen Landessprache mächtig sind und häufig im dunklen Anzug oder Kostüm auftreten.
Die Ausnahme sind das Freiluft-Trachtentheater im Süden und eben unser kleiner gallischer Stadtteil. Wie für den allgemein und völlig zu unrecht als Spießbürger anerkannten Bayern der Trachtenjanker und die gurgelnde Sprache Sinnbild für Vertrauenswürdigkeit sind, so kann man in Kreuzberg schon mit Wallehaar und Ökoschal mächtig punkten. Vergesst Inhalte, Hauptsache die Optik stimmt. Kulturelle Eigenständigkeit wird dokumentiert durch Unterscheidung vom vermeintlich uniformen Rest. So wird beharrlich den Zeitläuften getrotzt: Ströbele bleibt im Bundestag, Frau Reinauer in der Yorckstraße. Der Kreuzberger trägt seine zeitlose althergebrachte
Alternativtracht, sitzt im immer selben Wirtshaus (wenn er nicht gerade in Griechenland ist) und erzählt den immer gleichen Leuten, wie toll anders sich es hier lebt und wie alles früher doch besser war, als die Mauer noch stand und man Häuser besetzte. So verstreicht Jahr um Jahr, nur das Bier wird teurer und das Haar grauer und in zwanzig Jahren wird es immer noch so sein. Es lebe der Freistaat Kreuzberg!

<