Auf Kreuzberger Erde
Mai 2011

Sieht so aus, als hätte Mutter Erde die Nase voll von uns Menschen, die wir auf ihr lustwandeln. Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, starke Winde und was nicht noch alles, das die Natur Katastrophen werden lässt. Tote zu Tausenden in der ganzen Welt, alles weg, alles voll Gift, Müll und Leid.
Dann der Sandsturm in Mecklenburg-Vorpommern. Wie aus dem Nichts steht eine schwarze Wolke auf der A 19 bei Rostock, 43 Autos stoßen zusammen, überall Feuer, zehn Menschen sind tot, etwa 100 verletzt.
Der Wind hatte Staub vom seit Wochen vertrockneten Boden hochgerissen, so erklären es die Experten. Viel Staub, denn plötzlich ist mittags Nacht auf der Autobahn und zum Bremsen keine Zeit. Eine Polizistin sagt unter Schock, dass es Probleme gäbe, das Ende eines Wracks vom Anfang des nächsten zu unterscheiden. Die Bergungsarbeiten dauern Tage.

Nichts davon in Kreuzberg. Ein lindes Lüftchen streicht die Gneisenaustraße hinunter und sogar die alten Platanen schlagen endlich aus. Groß und Klein ergehen sich im Freien, und die nicht mehr ganz jungen Flaneure trinken Latte macchiato vor ihrem Lieblingscafé. Dazu Pfannkuchen mit Eierlikörfüllung. Ein friedliches Dorf. Nicht einmal der 1. Mai bot das allseits erwartete Blutbad. Möchte mal wissen, wer die Idee mit dem Graefekiez hatte - da kennen die sich doch gar nicht aus. Ich auch nicht, aber ich geh schließlich nicht zum Straßenkampf hin, sondern um mein neues Tweedjacket auszuführen, das ich neulich für fast Null in einem Neuköllner Factory outlet gekauft habe.
Ich bin genauso alt und arm wie die Leute, die hier vertrieben werden, aber ich bin es woanders. Noch haben die Vertreiber mich nicht geortet auf ihrem teuren Schirm, aber sie kommen näher. Ich kann sie hören wie sonst nur der Hund die Pfeife. Sie haben es satt, dass ich auf ihrer Erde lustwandle. Sie waren die Bö, die wie ein Orkan durch Kreuzberg tobt, sie waren der Schauer, aus dem ein Wolkenbruch ward. Sie waren der Riss in der Wand, der das Haus zuletzt dem Boden gleich macht.
Allein, Mutter Erde bebt nicht.

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