Der Kriecher
Juli 2006Meine Wohnung ist eher klein und sie ist mit der Zeit nicht größer geworden. Darüber hinaus hat sie in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren die Eigenart entwickelt, Dinge nicht wieder herzugeben, die ich ihr überlassen habe. Da ist Suchen manchmal nicht zu vermeiden, obwohl ich größtenteils dazu übergegangen bin, Dinge, die sie nicht mehr rausrückt, einfach nachzukaufen.
Ich erinnere mich noch gut, als ich einmal unter den Küchentisch gekrochen bin, weil ich dort einen bestimmten Werkzeugkoffer vermutet habe - und das bei völliger Dunkelheit, denn es gab damals in ganz Kreuzberg keinen Strom und ich hatte in dem Koffer eine Taschenlampe zu finden gehofft, mit deren Hilfe ich Kerzen suchen wollte.
Mittendrin klingelt direkt über mir das Telefon und ich knalle vor Schreck mit dem Kopf gegen den Tisch und ich möchte nicht wissen, wie ich da geflucht habe. Ich bin trotzdem ans Telefon und da fragt mich doch ein Hirni von gegenüber, ob ich ihm eine Taschenlampe borgen könnte.
Weiter verschlechtert hat sich das Verhältnis zu meiner Wohnung, als gleich hinter dem Schreibtisch ein Riesenstück Deckenputz zu Boden ging und weit und breit alles verwüstet hat (und mich erschlagen hätte, wäre ich daheim gewesen). War das ein Dreck. Die Hausverwaltung hat zwar einen Mann geschickt, der das Loch verputzt hat, aber seitdem kann ich mich unter diesem Teil der Decke nicht mehr aufhalten. Aus Angst.
Dann kam der 9. Juni 2006 und alle Last fiel von mir ab: Nun rollte das Leder, es gab Geheimfavoriten in großer Zahl, ein Tor hätte dem Spiel gut getan und die Schiedsrichter standen unter Zwangsverwaltung. Alle hatten eine Fahne zum Schwenken oder ins Gesicht geschmiert, keiner hatte Zeit und die Kneipen waren halb leer, weil alle Welt zu Gast auf der Meile war. Und ich musste nur noch unter den Tisch kriechen, wenn die anderen ein Tor geschossen haben.