Kunst kommt nicht von können
Juli 2008

Freitagabend kurz nach neun, ich trinke das  erste Bier. Mein vom Trinken stets wunder Ellenbogen nimmt Kontakt auf mit dem warmen, dunklen Holz des Tresens. Guter Anfang.
Ich sitze etwa auf der Mitte des Tresens, gleich links sind die Hähne,  ich kann dem Zapfer bei der Arbeit zusehen, und das ist nach Feierabend immer ein angenehmer Job.
Noch weiter links, am Ende des Tresens, sitzen drei Männer. Über ihr Aussehen kann ich nichts sagen, weil einer mir den Rücken zukehrt und den zweiten verdeckt; der dritte sitzt im Gegenlicht, das durch das große Fenster hereinfällt. Ich glaube er ist unrasiert oder trägt einen Bart.
Die Musik ist genau so laut, dass ich etwa die Hälfte dessen verstehe, was zwischen den Männern gesprochen wird. Als sie einen Moment verstummt, höre ich: »Gut, reden wir also darüber - was ist Kunst?« Eigentlich hätte ich vermutet, dass sie danach in schallendes Gelächter ausbrechen, aber das ist nicht der Fall. Es sind also Künstler. In die nächste stille Pause tönt der Satz: »Eins ist doch klar, Kunst liegt irgendwo zwischen Ethik und Moral.« Ich sehe die anderen nicken und nicke im Geiste mit, ohne zu wissen, was gemeint ist. Der mit dem Rücken zitiert Schopenhauer, aber was der über Kunst wusste, geht in einem Tusch unter.
Am rechten Ende des Tresens unterhalten sich zwei Männer mittleren Alters über die Benzinpreise, deren Auswirkungen auf die Autopreise und darüber, wieviel früher ein voller Tank gekostet hat und wieviel heute. Ich hab seit zwei Jahren kein Auto mehr und freu mich über all das gesparte Geld.
Draußen ist es nun fast dunkel und ich kann erkennen, dass mindestens zwei der drei Künstler unrasiert sind. Ich denke über Kunst nach und über Künstler, die darüber sprechen. Was weiß denn ich. Mein Bier ist sinn- und verstandlos in der Speiseröhre verdunstet, ein zweites werde ich hier nicht bestellen. Ich winke dem Wirt. Beim Bezahlen wirft er einen scheuen Blick hinüber zu den Künstlern.
Ich nehme den Ellenbogen hoch, packe meine Sachen und verlasse das Lokal. Ich befreie mein schönes Rad und weiß jetzt, was die höchste Kunst ist: Beizeiten gehen!

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