Nehmt euch ein Beispiel an den Lämmern
Seppo Kyrvilä ist nicht immer ein guter ZuhörerIch bin ein gesprächiger Mensch, zumindest meistens. Deshalb lebe ich auch trotz Lärm, Hundescheiße und Grünwählern gern in Kreuzberg, gibt es hier doch so viele nette Fachgaststätten, in denen man mit den unterschiedlichsten Zeitgenossen ins Gespräch kommt. Wo sonst wäre es denkbar, dass es sogar eine Fachzeitschrift gibt, in der mehr oder weniger geistreiche Tresendialoge einen festen Platz haben.
Ich liebe vor allem die Spannbreite der Themen, die in einem gelungenen Kneipengespräch in wenigen Stunden, in einem exzellenten gar in wenigen Minuten erschöpfend behandeln werden können. Fußball ist ein gern genommener Einstieg in der Heimatstadt von Hertha. Warum die Blau-weißen nicht mehr an der Tabellenspitze stehen (da gehören sie auch nicht hin), warum Pantelic nicht in die deutsche Nationalmannschaft berufen wird (der Mann ist Serbe) oder warum die Fans immer zu »Ha! Ho! He!« brüllen (sie sind etwas limitiert) - Themen über Themen. Auch das Wetter (zu heiß, zu kalt, zu mittel) ist eine gern genommene Eröffnung.
Danach folgt, je nach Interesse und/oder Horizont die Politik (ist Schnorren sexy?), das tägliche Versagen der BVG (wie kommt es, dass man auf einen Bus der Linie M 41 dem Fünfminutentakt zum Trotz in der Regel zwanzig Minuten warten muss?), die ästhetische Fragwürdigkeit der Oberbekleidung der hiesigen Ureinwohner (in Hamburg würden solche Leute eingesperrt - von München ganz zu schweigen) oder die Qualität der Berliner Biere (das Pferd ist nicht gesund) und sonstigen Lebensmittel (Wurst können sie hier einfach nicht - von Kuchen ganz zu schweigen).
Egal welches Thema - das gelungene Gespräch lebt von spritzigen Dialogen (A: Der Wowereit soll ja seinen Schaumwein aus Damenschuhen zu sich nehmen. B: Ich würde einen Gummistiefel nehmen, da geht mehr rein.) oder zumindest unterhaltsamen Missverständnissen (A: Träumst du nicht auch davon, einmal im Süden zu leben? B: Was soll ich in Tempelhof?).
Gespräche mit nur einem sichtbaren Teilnehmer dagegen sind eher störend. Kategorie eins ist das selbstvergessene Vor-sich-hin-Gebrabbel von Betrunkenen (die sind aber in der Regel am Folgetag zunächst wieder nüchtern). Die Höchststrafe sind jene Halbdialoge, die von unerzogenen Menschen mit Handy am Ohr im öffentlichen Raum abgesondert werden. Die sollten es besser halten wie die Lämmer (und schweigen, ganz).