Der letzte Traum
August 2007Der Typ da drüben sieht aus wie ich vor zwanzig Jahren. Bisschen verwohnt eben, fahlgelbes Gesicht, zittrig, er blättert in irgendwas, das ihn überhaupt nicht interessiert.
Er bestellt sein drittes Bier, seit ich hier sitze - wir trinken also ungefähr gleich schnell, nur dass ich schon zwei Stunden da bin und versuche, mich auf dieses Gedicht zu konzentrieren. Mein Freund Ernst hat mich gebeten, was für ihn zu schreiben, er hat eine neue Flamme, und die will er tief beeindrucken. Auftragsdichtung zu Kopulationszwecken ist nicht exakt das, was meine Mutti beglückt hätte, aber Ernst ist nun mal mein Freund.
Ich habe vergessen, wie die Schöne heißt, und das ist mir so peinlich, dass ich ihn nicht danach fragen mag. Irgendwas mit D.
Ich habe biermäßig nachgezogen und mein Synchrontrinker drüben wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. Draußen hämmert die Feuerwehr vorbei. Es ist unerträglich heiß. Wenn ich schon ihren Namen nicht weiß, könnte ich immerhin seinen hineindichten. Aber was bitteschön reimt sich denn auf Ernst. Ich schließe mein Büchlein, das in Wirklichkeit einer dieser kleinen Zettel ist, den ich mir am Tresen geben ließ.
Ich bin in einem Aufzug unterwegs und abwärts geht die Fahrt. Zwischen dem zweiten und dritten Stock bleibt er mit einem Ruck stehen, es knallt im Schacht, das Licht stirbt und es riecht nach Rauch, nach Feuer, ich höre irgendwo Menschen schreien.
Ich hole Streichhölzer aus der Tasche, suche den Alarmknopf und drücke ihn, bis der Daumen weiß ist und der Nagel rot. Kein Ton. Schwarze Angst kriecht an mir hoch. Dichter, öliger Qualm drückt sich durch das Bodenblech und kommt gleich bis hoch zu den Knien. Die Kabine ruckt. Sie stottert abwärts, ganz langsam, oben im Maschinenraum ist also einer an der großen Handkurbel. Kann er es schaffen? Mir wird die Luft knapp und die Zeit ist es schon. Der schwarze Dreck steht mir jetzt bis zum Hals. Ich schlage nicht wie ein Verrückter gegen die Tür, ich brülle nicht um Hilfe, ich versuche gar nichts. Ich breche einfach zusammen und ersticke hilflos und ohne große Qual.
Ein Traum, nur ein widerlicher Traum vom Sterben. Ich wache auf und ersticke fast an der Angst, ich zwinge mich zum Atmen, aber die Luft will nicht ihre Röhre runter.
Ich bestelle Schnaps. Und noch einen, Herr Wirt, heute ist der richtige Tag dafür. Rauchen, ich muss dringend rauchen. Nichts reimt sich auf Ernst. Ich muss los.