Ich liebe euch doch alle
Seppo Kyrvilä hat gute Vorsätze für 2006

Der Weg ins neue Jahr wie in die Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen. Sicherlich hat sich auch mancher Leser dieses kleinen tapferen Magazins dies oder jenes für das Weltmeisterschaftsjahr vorgenommen: Nicht mehr zu Rauchen ist sicherlich der Klassiker, nur noch in Notfällen den Ehepartner zu züchtigen oder ab 2006 fragenden Touristen nicht mehr grundsätzlich den falschen Weg zu weisen wäre ja auch ganz nett. Lediglich das Vorhaben, fortan ohne den treuen Kameraden Bier den Pfad des Lebens zu beschreiten, dürfte in der KuK-Leserschaft nur selten vorgekommen sein, wäre dies doch ein Widerspruch in sich.
Auch ich habe, geläutert durch Grenzerfahrungen im Angesicht des unverschuldeten Todes durch Chinaböller in Kreuzbergs Straßenschluchten, einen guten Vorsatz gefasst: Ab dieser Ausgabe will ich nicht mehr schlecht über Berlin im Allgemeinen und Kreuzberg im Besonderen sprechen noch schreiben. Ab sofort werden Hader und Verdruss über das seltsame Leben in der Stadt nicht mehr in reißerischen Kolumnen vermarktet. Monat für Monat will ich fortan die Hauptstadt und ihre Bewohner loben und preisen.
Eine Liste verschiedener zu behandelnden Themen habe ich bereits angelegt: "Die unübertreffliche Ästhetik des mehrfarbigen Kunstfaser-Jogginganzugs und ihre Bedeutung über den Sportplatz hinaus", "Wer seinen Kampfhund ungehemmt auf Trottoir und Kinderspielplatz scheißen lässt, kann kein ganz schlechter Mensch sein", "Berlinern und Schwäbeln - die Anmut Deutscher Mundarten", "Der Vollrausch zur Mittagszeit oder: Autonomie des Handelns contra überkommene Verhaltensnormen", "Hertha BSC und die verkannte Schönheit des Unentschiedens", "Autofahren in der Hauptstadt, der Reiz des Unvorhersehbaren" und "Berliner Biere - Geschmackserlebnisse jenseits des Mittelmaßes« - mit diesem Fahrplan schaffe ich es bis weit in den Sommer. Zur Fußball-WM dann noch etwas Nettes über den völlig zu Unrecht abwesenden Marcelinho, zum Ferienende ein paar Freundlichkeiten an alternde linksintellektuelle Cappuccinofreunde, dann ist das Jahr 2006 schon fast rund, zumindest aus Kolumnistensicht.
Allerdings hat die Sache einen grundlegenden Haken: Meistens halten die guten Absichten weniger lang als der Schneematsch am Straßenrand. Die erste Zigarette des Nichtraucherlebens wird meist schon vor dem Dreikönigstag gierig inhaliert und spätestens in den Osterferien wird der ahnungslose Franzose, der das Jüdische Museum sucht, per U-Bahn nach Rudow geschickt. Mal sehen, wie lange ich meine Berlinliebe durchhalte ...

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