Lizenz zum Löten
Heiliger Strohsack, war das wieder ein Scheißtag. Erst stundenlang dieses Buch gesucht, das mir olle Dingens mal geschenkt hat. Dann wollte ich was löten. Ich weiß nicht, ob es was zu bedeuten hat, wenn ein Mann von einer Frau einen Lötkolben geschenkt bekommt, aber genau das war damals der Fall. Minimum fünfzehn Jahre her. Und jetzt kann ich ihn nicht finden. Eben wäre ich fast kopfüber in einer Tonne verdurstet, die ganz hinten in der Ecke steht und in der ich Sachen habe, die kein Mensch braucht. Jedenfalls nicht täglich. Ich stecke also in der Tonne und habe starke Schmerzen im Unterleib, weil genau der auf dem Rand... Sie können sich das vorstellen. Hab ich neulich in der Zeitung gelesen; da wollte ein Mann etwas aus dem Altpapiercontainer im Hof holen, das er dort versehentlich versenkt hatte, und verschwindet bis über die Schultern in dem Loch und dann kommt er nicht wieder hoch. Genau meine Körperhaltung. Die Feuerwehr musste den armen Hund aus dem Ding schweißen. Und ich? Ich kann die Arme auch nicht bewegen, also bringe ich die Tonne mit den Beinchen leicht ins Schwanken. Und noch ein bisschen. Mir wird schlecht in dem Ding. Ich war noch nie seekrank, aber so muss das sein. Gleich hab ich's. Linkszweidrei und zack! Die Tonne fällt um und ich mit. Ich liege da zwischen all dem Dreck und müsste dringend speien, aber ich ringe es nieder. Nicht zwischen all den Plunder hier. Atmen, Fritz, ganz ruhig atmen.
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Ich atme ruhig und bereite mich gedanklich darauf vor, weiter nach dem Lötkolben zu suchen. Ich setze mich auf und betrachte das Zeug, das mit mir zusammen aus der Tonne fiel. Hier ist also die Kopflampe, die ich neulich so dringend gebraucht habe. Da! Die Dose mit dem Lötzinn! Weit kann der verdammte Kolben nicht gekommen sein. Paar Netzteile oder Ladegeräte. Mit der Laubsäge könnte ich mal wieder. - Fritz, der Kolben!
Hier ist er nicht.
Ich besinne mich meiner früheren Misserfolge und weine bitterlich. Ganz schlimm war der Tag, an dem ich vom Motorrad gefallen bin. Hochsommer im Mehringhof, endlos Leute vor dem Spekki und an den Fenstern. Cool wie einer nur sein kann, schwarz in Leder, lass ich die Kiste mit dem Kickstarter an. Mit lässigen Schwung trete ich runter in den ersten Gang, spiele ein wenig am Gas und los geht's. Als ich in den Zweiten schalten will bemerke ich, dass das Motorrad einen Halbkreis gegen meinen Willen fährt, aber ich ziehe daraus keinerlei Schlüsse. So kommt es, dass mein Körper auf dem Scheitelpunkt des Halbkreises halbelegant nach vorn schießt, das Motorrad aber seine Fahrt rechtsrum fortsetzt. Das hat ordentlich geknallt, aber das Gelächter der Leute war ohrenbetäubend. Monate später noch zeigten Hunderte Finger auf mich: "Das ist der Penner, der sein Lenkerschloss nicht aufgemacht hat, hab ich dir doch erzählt."
Das war viel schlimmer als nicht zu löten.März 2009