Das war in Schöneberg, im Monat Mai
Mai 2008Manchmal fahre ich nach Schöneberg, weil ich da machen kann, was ich will. Ich war gerade bei Lidl auf der Kleiststraße und hab mir Milchreis mit Schoko von Müller gekauft. Einzeln schon voll unkorrekt, könnte ich mich daheim in Kreuzberg nach dieser Kombination nirgendwo mehr sehen lassen.
Ich bin Richtung Wittenbergplatz unterwegs und löffele meinen leckeren Milchreis. Ich passiere die Urania, aus der gerade Hunderte von älteren Leuten kommen. Der Weg Richtung Westen führt mich nun in einer Menschentraube über die Straße An der Urania. Dies geschieht in zwei Durchgängen, weil ein breiter grüner Mittelstreifen die beiden Fahrbahnen trennt. War ich beim ersten Durchgang noch weit hinten, hatte ich gut aufgeholt vorbei an dem unglaublichen, riesigen stählernen Bogen, der bei 124,5 Grad rücklings auf der Mitte liegt; ein Geschenk der Französischen Republik und der Firma Air France an die Stadt Berlin zur 750-Jahrfeier 1987 und geschaffen von dem französischen Künstler Bernar Venet.
Nun liegt der Bogen seit 21 Jahren hier im Gras, spannt sich auf 40 Meter und ist 12 Meter hoch. Gemacht ist er aus Corten-Stahl, einer 1932 in den USA zum Patent angemeldeten Legierung mit Kupfer, Phosphor, Silizium, Nickel und Chrom, und überzogen mit einer dichten Eisenoxidschicht, so dass sie besonders witterungsbeständig ist. Deshalb also Spezialstahl.
Mir ist schlecht und ich warte immer noch auf Grün. Die Ampel schaltet um und aus dreißig Seniorenkehlen erschallt: »Grün!« Ich weiß nicht wohin mit dem leeren Becher. Vor mir steht das schöne, dreieckige Dorland-Haus, 1966 für die gleichnamige Werbeagentur fertiggestellt und von dem Architekten Rolf Gutbrod entworfen, der laut Wikipedia »in den Kriegsjahren im öffentlichen Dienst tätig« war. Das liest sich anderswo genauer: Er hat für die Luftwaffe gebaut.
Ich versenke den Becher und verschwinde Ecke Keithstraße kurz im Gebüsch, weil ich den Milchreis nicht halten kann. Furchtbar.
»Nach Kreuzberg, nach Kreuzberg« höre ich mich rufen, steige erschöpft aufs Rad und kurble los, ich will endlich nach Hause. Als ich die Brücken unterquere, bin ich zuhause - und ich habe mich durch entschlossenes Erbrechen eines Becherinhalts politisch rehabilitiert. Gut.