Menschen aus Milchglas
Februar 2007

Mein Schwager ist ein eher schweigsamer Mensch. Er liegt im Koma. Genau genommen ist er gar nicht mein Schwager, aber das ist eine andere Geschichte. Er wirkt nicht unfroh. Zwar schäumt er nicht gerade über vor Temperament, aber er murrt auch nicht, sondern starrt vor sich hin.
Das tue ich auch gern. Ich begebe mich in eine Gaststätte, setze mich an den Tresen oder einen hübsch am Rande gelegenen Tisch und schaue diffus in die Gegend. Das ist meine Form des Zen. Außerdem muss ich schließlich irgend etwas mit meinen Augen machen. Sie zu schließen wäre keine echte Alternative. Ich bin ja schließlich kein Schläfer.
Meinem Schwager nimmt niemand sein teilnahmsloses Starren übel. Mir schon. Das verstehe ich nicht, schließlich mache ich nichts anderes als er. Ich schaue vollkommen neutral drein, weder mürrisch noch spöttisch, nicht indiskret geschweige denn aggressiv. Ich betrachte nichts und niemanden im Besonderen.
Zwar nehme ich Menschen wahr, die in meinem Gesichtsfeld rumstehen oder durchs Bild latschen, allerdings nur diffus, als seien sie aus Milchglas gegossen oder nebelhafte Plasmen. Ich erkenne sie nicht als Personen. Es könnten liebe Freunde oder Verwandte sein, die da im Raum stehen, ich würde sie nicht erkennen, außer vielleicht meinen Schwager. Sein ausladendes Krankenbett verleiht ihm eine bemerkenswerte Silhouette mit hohem Wiedererkennungswert. Allerdings ist er seit einiger Zeit eher selten in Gaststätten anzutreffen.
Meine eingeschränkte Wahrnehmung der Mitmenschen führt, ich deutete dies bereits an, zu manchem Missverständnis. Frauen mutmaßen, ich taxierte widerrechtlich ihre Anatomie. Vierschrötige Männer fühlen sich - »Wat kiekste mir so blöde an?« - zu Unrecht provoziert. Zum Glück konnten Handgreiflichkeiten bisher vermieden werden, aber ich lebe in ständiger Furcht. Und wer geht schon gern in die Gaststätte, um sich zu fürchten? Was also soll ich nur tun? Vielleicht sollte ich das Missverständnis geraderücken und die Leute tatsächlich anstarren.
Allein, mir fehlt das aufrichtige Interesse. Einen betrachtenswerten Körper habe ich selbst und wenn ich streiten will, dann am liebsten mit mir selbst.
Lasst mich doch einfach in meinem Nebel sitzen und dreinschauen wie ich will und ansonsten in Ruhe.

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