Jeden ihm seine Mitte!
April 2007

Hier müsste es sein. Alexandrinenstraße, genau, Hausnummer 12. Der Mann da oben am Fenster starrt mich entgeistert an, aber meine Erscheinung gibt ihm Recht, und seine Dose voll billigem Bier weiß die Antwort nicht.
Ich trage einen Tropenhelm, elegante Knickerbockers und einen knöchellangen, hellen Staubmantel. Im Gepäck habe ich meinen Kompass und den Sextanten, auf der Schulter trage ich ein tonnenschweres Stativ aus Holz. Nicht leicht zu finden, aber ich habe es geschafft: Hier ist die geografische Mitte Berlins, das Zentrum der vermessenen Stadt.
Ich bin ergriffen von der Größe des Moments, meine Augen sind ganz feucht. Wer weiß sich schon im Zentrum des Unermesslichen, im Herzen der Wüstenei.
Und der Mann da oben am Fenster - hat er jemals nach seiner Mitte gesucht beim Blick in die leere Dose? Geforscht nach etwas weit entfernt vom eigenen Rand? Der Mann ist jetzt weg und ich glaube die  Kühlschranktür schlagen zu hören.
Wer über Andere spricht, darf über sich selbst nicht schweigen. Gut, sage ich, du hast es bis zur Mitte geschafft, aber was kommt danach? Was gibt dir dieser Ort, der selbst für hauptstädtische Verhältnisse so öde und mies ist wie kaum ein anderer. Gibt er dir deine Mitte,  Schindler - tut er das?

Ich habe einen schrecklichen Durst. Ich nehme endlich das Stativ von der Schulter, spreize seine Beinchen und stütze den Ellenbogen darauf, einem gutaussehenden Kolonialinspektor ähnlich, der gleich umstandslos das Feuer auf die Eingeborenen eröffnen lässt, ist ihm doch etwas langweilig so fern der Heimat.
Der Penner da oben ist zurück an seinem Platz. Zwei Büchsen stehen auf dem Fensterbrett und er fummelt mit etwas herum, das wie ein Stück Leine aussieht. Ich nehme den Feldstecher zur Hand, stelle scharf und sehe ihm zu, wie er das Ende der Leine durch den Ring an der Dose fädelt. Er muss diesen dazu leicht anheben und das ist riskant. Er macht den Knoten, schiebt die andere Büchse weg und lehnt sich vor. Jetzt ruft er etwas, das ich nicht verstehe, immerhin ist er im dritten Stock und es geht ein für die Gegend üblicher zäher Wind, der eigentlich Zugluft ist.
Ich trete näher, als es losgeht. Kein leichter Job, es ist eine Halbliterdose, der Wind greift sofort nach ihr. Der Mann macht das nicht zum ersten Mal, das ist klar. Die Dose wippt am Ring, als sich meine Faust fest um sie schließt. Ich trete ein paar Meter zurück, von oben reißt es am Seil und der Ring fliegt weg.
Fragen hab ich schon genug. Dies ist eine Antwort. Ich winke dem Mann zum Dank.

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