Meine Nachbarn sind tot
Seppo Kyrvilä vertritt sich nach dem Mittagessen die Beine

Leichen säumen meinen Weg. Ich bin jedoch keineswegs Finnlands Antwort auf Pol Pot. Gewalt liegt mir fern, obwohl: wenn die Unsrigen mal wieder im Eishockey gegen Schweden verloren haben... aber lassen wir das. Wie dem auch sei, ich bin kein großer Heimwerker. Und ebensowenig, wie ich meine Bücherregale zur Gänze selber zimmere (ich kaufe sie wie alle anderen auch bei einem großen Halbfertigmöbelhandel in Tempelhof), produziere ich auch all die Leichname in meiner Umgebung.
Gelegentlich habe ich indes, auch die weniger treuen Leser werden dies mittlerweile wissen, das  Bedürfnis nach Ruhe. Und wo bekommt man diese im brüllenden Inferno namens Kreuzberg? Auf einem der vielen Friedhöfe, die dem Spaziergänger in dieser gnadenlos ver- und zugebauten Gegend den Park ersetzen. Empfehlenswert sind vor allem die weitläufigen Gräberfelder südlich der östlichen Bergmannstraße. Die Friedhöfe zwischen Zossener, Baruther, Blücher und Mehringdamm sind auch sehr charmant, bieten allerdings angesichts ihrer verkehrsgünstigen Lage ähnlich viel Ruhe und Abgeschiedenheit wie der Mittelstreifen der Avus.
Es ist übrigens kein Zufall, dass unsere Gegend so reich an Friedhöfen ist: Bis ins 19. Jahrhundert gab es Bergmann-, Graefe- und No-Name-Kiez gar nicht. Am Halleschen Tor war die Stadt zu Ende. In jenem Klein-Berlin war es jedoch damals schon so voll wie heute in dem großen, weshalb man die lieben Verblichenen gern außerhalb der Stadt vergrub. Unter den zahlreichen Kreuzberger Totbürgern finden sich deshalb nicht nur die heute ortsüblichen Proleten und Schwaben, sondern große Männer, deren Bedeutung weit über Berlin hinaus reichte und reicht. Felix Mendelssohn Bartholdy gehört beispielsweise ebenso zu unseren schweigsamen Nachbarn wie Theodor Mommsen, August Wilhelm Iffland oder Gustav Stresemann. Wäre Berlin Finnland, wäre das fast so, als käme man bei einem gewöhnlichen Sonntagsverdauungsspaziergang an den Gräbern von Jean Sibelius, Urho Kekkonen, Mika Waltari und Matti Pellonpää vorbei. (Um dem Vorwurf des Machismo zuvorzukommen: Marlene Dietrich liegt in Schöneberg und ich hatte Angst, Rahel Varnhagen van Ense falsch zu schreiben.)
Gemessen daran ist es um die lebende Prominenz dünn bestellt. Daran können auch Kiezgrößen wie der Musiker mit dem Hut, der singende Zeitungsmann oder der große alte Sack des Kreuzberger Feuilletons, denen ich ein langes Leben wünsche, nur wenig ändern. Aber kann ja noch werden.

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