Die Nacht ist ein großer Fluß
Juni 2006Ich sitze nachts gern am Landwehrkanal, mit dem Rücken zum Krankenhaus, trinke lauwarmes Rhabarberbier und warte ab.
Ich brauche nichts zu tun, denn das mit dem Frieden in der Welt soll die Jugend richten und dass es keine Tomaten mehr gibt, die wie richtige Tomaten schmecken, finde ich nicht so schlimm. Oder dass man Pesto unbedingt selbst machen muss.
Das Wasser ist kohlrabenschwarz, kein Mond scheint und die letzten nachtwandelnden Wellen schlagen mäßig interessiert gegen die graue Mauer, auf der ich sitze und nun meine Schuhe betrachte. Die hab ich im letzten Sommer am Hermannplatz gekauft und wer das tut, wird mit einer Extravorstellung bedient, der ich den Namen »Männer in kurzen Hosen« gegeben habe.
Nichts gegen warme Tage oder gar gegen Männer, aber müssen es wirklich irgendwo oder auf halber Höhe abgeschnittene alte Billigjeans sein? Müssen es bis unter die vermutlich knorpeligen Knie hochgeschobene weiße Jogginghosen sein? Müssen es schlecht sitzende, dreiviertellange sogenannte Cargohosen sein? Enge, sehr kurze blaue Turnhosen, bevorzugt getragen von jungen Männern mit langen Haaren? Müssen es gelbgrün getupfte Bermudashorts sein, dazu braune Slipper mit weißen Tennissocken? Oder fadenscheinige, fünfachtellange Beinlinge, die von hinten aussehen, als müsste der gute Mann mal wieder die Windeln wechseln?
Wie sagte der Kollege Seppo Kyrvilä neulich in einer Besprechung bei ein paar Halben: »Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Männer kurze Hosen tragen, hätte er ihnen kurze Beine gegeben.«
Meine Flasche Fruchtbier ist nun leergetrunken und eine zweite nicht zur Hand. Die riesige, wunderschöne, gar nicht traurige Weide über mir hält den leichten Regen ab, den ich Tropfen für Tropfen in den Kanal fallen sehe. Die Nacht ist zu schwarz für das Grün des Baums, aber ich kann es doch riechen und ich glaube, es gibt keine schönere Zeit im Jahr als den frühen Sommer, wenn die Sonne näher kommt, ohne uns zu verbrennen und all das tausendfache Grün.
Ich mache mich auf den Weg nachhause und bin so froh, dass ich mich von der Sache mit den kurzen Hosen lösen konnte. Sonst hätte ich mir vielleicht meine eigene kleine Männerwadenkunde nicht erspart, und dann wär's erst richtig eklig geworden. Oh Gott!