Friedrich Schindler

"Nacht der langen Gedanken", Quatsch, "Lange Nacht der Gedanken"

# 1 - Das Ende

Wer gern in schwachsinnigen Metaphern denkt oder gar spricht, hat jetzt "Weihnachten vor der Tür". Gleich darauf kommt unausweichlich eine Zeit "Zwischen den Jahren", dann schnell die tolle Party und schon ist es rum, das "arbeitgeberfreundliche" Jahresende mit seinen Flügelfiguren aus purem Gold und all den Zimmerbränden. In der letzten Dezembermitternacht werden wieder die Funktelefonnetze zusammenbrechen und die Notaufnahmen weggesprengte Däumchen flicken. Polizei und Feuerwehr fahren bis morgens umher, kümmern sich um heillos Betrunkene, Waffenliebhaber und alte Bekannte. Was für ein Durcheinander. Bald nach dem Neujahrsspaziergang Unter den Linden oder an der Krummen Lanke geht es an die Versorgung versehentlich eingetretener Schwangerschaften.

Berlin. Das Wetter. Die Bahn. Das "Zusammen denken" dieser drei Signalwörter ist streng verboten, folglich mach ich guter Bürger das nicht. - Getrennt denken geht: Lieber im neuerdings typischen Berliner Winter den Hals auf Glatteis brechen als in der Bahn ins Koma geprügelt werden.

Jungs sind irgendwie komisch. Die einen schreiben ihre Blogs voll über die Eisenbahn, Modelle von Märklin, Fleischmann, scheißegal, ihr IQ liegt bei H0, aber die anderen gehen nachts los und schlagen rein, S-Bahn, U-Bahn, egal, wen es trifft. Hauptsache es kracht und schön besoffen. Wer da im Schauhaus landet oder im Rollstuhl ist auch egal.

Trinken geht doch auch ohne Scheiße, oder? - Männer!

Dezember 2011

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# 2 - Auf Null

Das Jahr fing gut an. Der Bundespräsident hat nach einem Missverständnis im Freundeskreis das Schloss Bellevue wieder verkauft und den Erlös dem Roten Halbmond gespendet. Wie es sich für einen niedersächsischen Ehrenmann gehört, zog er bei seinem Rücktritt die erwarteten Konsequenzen und löste das Bundespräsidialamt auf. Die hierbei frei werdenden Ressourcen spendete er Gattin Bettina, die sich dafür Vorkaufsrechte an einer Drogeriekette sicherte. Nicht zutreffend sei, wie ihre Pressestelle verlauten ließ, dass sie am Dreikönigstag bis spät in der Nacht in einem Kreuzberger Tattoo-Studio gewesen wäre. Uns liegt jedoch eine MP4-Datei vor, also eine Tonaufnahme, auf der deutlich das Surren einer Elektronadel zu hören ist. Die Aufnahme endet Samstagfrüh, 5.36 Uhr. Am späten Vormittag desselben Tages wurde die Expräsidentengattin in einer Apotheke am Halleschen Tor beim Kauf einer Spezialcreme gesehen.

Schräg gegenüber trafen sich zur selben Zeit Dr. Rösler und Chr. Wulff, um die Nachfolge im Amte zu besprechen. Rösler wollte nicht völlig unvorbereitet in das Meeting mit der Chefin gehen, Wulff meinte es wie immer gut. Nach Befragung des Kellners durch unseren Mann am Halleschen Tor kam das Gespräch der beiden nicht recht in Gang, weil deren Handys fast ununterbrochen klingelten. Bei Wulff waren es Stellenangebote, bei Rösler auch. Nach dem Cevapcici wurde lecker Slivovic gereicht. Alles aufs Haus, versteht sich. Als Wulff einen Anruf der Handballer aus Großburgwedel bekam, die da eventuell etwas für ihn im Vorstand… entschied Wulff, das Gerät auszuschalten. Dr. Rösler ließ an, konnte er doch nicht wissen, ob Dr. Merkel. Nach dem dritten Schnaps lag der Tisch voller zerknüllter Zettel. Kein Kandidat, nirgends.
Röslers Telefon klingelt, aber es ist nicht die Chefin. Er reicht Wulff das Handy und sagt: "Für dich." - Wulff: "Hannover 96? Interessant. Was - Slomka soll endlich zurücktreten? Gut, kann ich machen, wir sehen uns morgen!"
Wulff blickt entschlossen aus dem Fenster. Zu Rösler: "Oh, da geht Bettina! Tschüss, Alter, ich muss los."

Genau, in zwei Wochen gibt's wieder Fußball, das dürfte die Nachrichtenlage deutlich verbessern.

Januar 2012

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# 3 - Krieg den Schweinen

Menschen aus Schwaben haben es außerhalb ihrer Heimat eher schwer. Wegen ihres Dialekts sind sie im Rest der Republik leicht auszumachen, und wie es aussieht, konzentriert sich dieser Rest im Prenzlauer Berg. Ebenda sprang es einem Penner aus Neukölln in den Kopf, in diversen Hausfluren Kinderwagen anzuzünden. Dies war ihm leicht möglich, da er in den Morgenstunden als Zeitungsausträger unterwegs war, also den Haustürschlüssel hatte.
"Schwabenhass" hat er in den Vernehmungen als Motiv genannt und es vor Gericht wiederholt. Zudem hätte ihm der Anblick der brennenden Dinger ein Gefühl von Macht gegeben. Solide Mischung aus Sozialneid und Pyromanie. Drogen waren bei dem Mann auch im Spiel, aber bei dem vermuteten geringen Gehalt wird es für was ordentliches nicht gereicht haben.
"Schwabenhass" ist natürlich nicht das schreckliche Leiden dieses Was-sonst-als-Einzeltäters, sondern eine durchgreifende Xenophobie, Volksmund Fremdenhass. Trifft Türken, Araber, Juden, Schwarze, Menschen aus aller Welt, Hauptsache anders als er. Und Frauen, denn wie fremd sind die denn!
Wir haben was gegen Leute, die lieber Bionade trinken als Schultheiss-Bier? Wir haben was gegen teurere Kinderwagen als die vom Trödler? Wir haben was gegen Leute, die ein Dachgeschoss am Kollwitzplatz zahlen können, weil sie eine ordentliche Ausbildung haben und deshalb ein Schweinegeld machen?
Und ihr?

Nun denn, Antisemiten, schmiert nur weiter "Schwaben raus!" an die Wände. Zündet an, was ihr nicht kaufen könnt. Lasst zuletzt die Häuser brennen, damit kennt ihr euch doch aus.
Danach tragt ihr den Reichen und Schönen wieder die Zeitung in ihre Paläste. Außer ihr geht ausnahmsweise in den Knast für eure gemeinen Taten.

Februar 2012

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