Kreuzberger Tage sind kurzHeute bin ich mit dem Bus zum Kottbusser Tor gefahren. So wie manche Menschen auf den Friedhof gehen, um sich eine besonders schöne Grabstelle auszusuchen. Die Mittelinsel ist ganz hübsch. Feiner märkischer Sand, gepflegte Hecken und Sträucher um den massiven steinernen Sockel der Hochbahn. An dessen Südwand würde ein trockenes Reblein vortrefflich gedeihen. Von wegen Nacktarsch. Ich hätte unten meine Ruhe vor der Welt und oben würde auf mein Wohl getrunken, auf des edlen Stifters ewigen Frieden. Ein schöner Ort.
Ich wende mein von Tränen feuchtes Antlitz ab von der kalten Wand und blicke in die kalten Augen von knapp zehn jungen Menschen. Sie sehen nicht aus, als würden sie demnächst auf mich anstoßen sondern mir ordentlich was auf die Fresse geben. Erst denke ich, es wären Trinker und Drogisten, die Touristen hier so gern betrachten, Dreingabe zu dem, das die Reiseführer gern "Klein-Istanbul" nennen und den Schauer zurückträgt in die schwäbische Provinz, aus der er einst kam, nur irgendwie anders.
Aber nein, es handelt sich um was Politisches, denn die jungen Menschen sind vermummt und sie werfen mir vor, die Vertreibung der eingesessenen Bevölkerung zu betreiben. Nun weiß ich nicht, wer in Kreuzberg tatsächlich eingesessen ist, denn die Siedlungsgeschichte der Luisen-, Friedrich- und Wasweißichfürstadt in den letzten 150 Jahren ist durchaus divers. Über Heimatkunde aber wollen die jungen Menschen nicht sprechen, sie halten mich für einen Beamten der städtischen Gentrifizierungsanstalt mit meinem Lageplan vom Platz und dem Fernglas. Dass ich darüber hinaus stark angetrunken bin, entgeht ihnen aufgrund eigener... nun, nennen wir es: Betroffenheit, so oder so.
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Nun bin ich noch nicht einmal der, der hier auf der Mittelinsel die Trinker und Drogisten konzentrieren möchte, damit sie drüben den Betrieb nicht stören. Aber es ist so schwer, sich gegen einen Vorwurf mit einem schlichten "nein" zu wehren. Dann sagen die anderen nämlich "doch", und sowas kann dauern und mündet oft in Gewalt. Die jungen Menschen sind sowieso fertig mit Diskutieren und jetzt gibt es eine blutige Nase und ich werde vertrieben vom Kottbusser Tor.
Aber ich komme ja wieder. Nein, das muss so bald nicht sein, und bis dahin ist der Wein gereift und es finden sich bestimmt ein paar nette Leute, die auf mich anstoßen.Oktober 2010