"Also in Berlin könnte ich ja nie leben!"
Seppo Kyrvilä hat das Tor zur Welt gesehen

Immer wieder hat man mir versichert, dass Berlin keineswegs typisch für Deutschland sei, im Gegenteil. Gewissenhafter Ethnologe, der ich nun einmal bin, habe ich das Maiwochenende genutzt, um mich in Restdeutschland umzusehen - genauer in Hamburg. Die Tarnung ist mir eine zweite Natur geworden: Erscheine ich in Berlin nur als schweigsamer und auffallend unauffälliger blonder Bursche, bewegte ich mich dort in der Camouflage des bewussten Hauptstädters. Das heißt im Klartext: Fleckentarnhose und Kreuzberg-T-Shirt. Was in Hannover oder Stuttgart sprachlose Bewunderung oder zumindest Respekt hervorruft, bewirkt in der Freien und Hansestadt das genaue Gegenteil: »Also in Berlin könnte ich ja nie leben« ist der magische Satz, mit dem anmutige Hanseatentöchter wie coole Alster- oder Elbschnösel jedes Gespräch mit dem erkennbaren Hauptstädter beginnen. Der gemeine Hamburger, egal ob aus Eppendorf (wie Charlottenburg, nur ohne Schloss) oder aus Steilshoop (wie Marzahn, nur ohne Vietnamesen) kann sich schlechterdings nicht vorstellen, dass man außerhalb seiner mittelmäßigen Hilfsmetropole auch nur etwas ähnliches wie ein menschenwürdiges Leben führen könnte.
Man sagt den Berlinern ein Inselbewusstsein nach - Westberlin war von 1961 bis 1989 eingezäunt, eine Stadt ohne Umland. Hamburg hingegen lag inmitten der Bundesrepublik, man konnte immer ohne Visum und Grenzschikanen nach SchleswigHolstein und Niedersachsen ausreisen, mal eben einen Ausflug nach Lüneburg oder Lübeck unternehmen. Doch davon machte und macht der Hamburger sowenig Gebrauch wie der Berliner um 1974 von der Nähe zu Potsdam oder Königs Wusterhausen. Man wird in Hamburg geboren, geht dort zur Schule, studiert dortselbst und nimmt einen Posten in der örtlichen Wirtschaft oder Verwaltung an. Was andernorts Provinzlertum genannt wird trägt dort das Etikett »hanseatisch«.
Berlin und Hamburg haben manches gemeinsam - die lokale Fußballmannschaft spielt erschreckend mittelmäßig und das örtliche Bier schmeckt übel. Doch gerade Kreuzberg kann im direkten Vergleich mehrfach punkten: In Hamburg verdient jeder Narr in seiner Werbeagentur genug, um sich ein Auto zu leisten. Deshalb gibt es keine Parkplätze und man gurkt des Abends stundenlang um die Blöcke. Und es wäre dort undenkbar, dass Büromensch in Anzug und Krawatte und Faustarbeiter im Blaumann einträchtig ihr - übrigens erschwingliches - Feierabendbier trinken. In Hamburg wohnen sie nicht einmal im selben Stadtteil. Schön, wieder hier zu sein, der Sozialapartheid entronnen.

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