Night Ride Home
September 2008Manchmal sitze ich zu gern im Schlawinchen. Ich kann den Kopf in den Nacken werfen, ohne Schnaps zu trinken, ich starre einfach zum Himmel rauf und da ist die ganze Welt versammelt. Da springen Böcke und Schweine aus der Wand, da hängen steinalte Kronenleuchter, Uhren in Mehrzahl, ein Motorrad und eine rote Pauke, ein uralter Kinderroller aus Holz. Da hängen Kuhglocken, ein Schaukelpferdchen - und Schiffe! All die Schiffe, die Kreuzfahrer und Koggen an der Decke, unglaublich. Ein Flugzeug mit Propeller, ein längst verstummtes Radio, ein Grammophon mit riesigem Trichter, eine Tuba, auch mit Riesentrichter. Posaunen, wie frisch geschmiedet für Jericho. Ein ganz kleines Riesenrad, gebastelt mit harter Hand. Eine »Erdal«-Reklame aus Email für Leute, die Schuhcreme noch von früher kennen. Bilder und große Spiegel an der Wand, Schilder mit unklaren Anweisungen: »Der Trockenboden muss nach jedem Gebrauch gereinigt und die Fenster geschlossen werden.«
Wunderbarer Laden.
Die Barfrau gibt jetzt die DJane, aber das muss sie noch üben. Ziemlich krasse Mischung aus Nena, Punk und einem tumben Rapper, der persönliche Probleme zu verarbeiten sucht. Alleinerziehender Vater, darauf läuft es raus. Frau Schuld. Scheiße ohne Ende eben. Den beiden Jungs am Tresen scheint's zu gefallen, und das ist doch die Hauptsache.
Ich denke über mein Leben nach. Wo habe ich eigentlich meinen persönlichen Bier-Rekord getrunken? War das hier? Nein, das war im Café Anfall auf der Gneisenau, heute Anno. Elf Hefe. Soviel hab ich jetzt noch nicht. Aber fast. Draußen wird es langsam dunkel wie hier drin. Ich könnte gegen mich selbst kickern, aber so schnell rennt kein Mensch. Und dann noch im Kreis. Die ovale Frau da auf dem Bild oben rechts sieht aus wie meine längst verstorbene Großmutter, allerdings väterlicherseits. Ich sollte endlich gehen. Zahlen! Ausgerechnet jetzt, wo die Happy Hour anfängt.
Auf's Rad steigen und einfach loskurbeln, hinausfahren in die kalte, leere Nacht.