Nacht ohne Wurst
Januar 2011Neulich ist mir ein dolles Ding passiert. Ich stehe nachts auf dem Mehringdamm herum und warte, bis die Frau da mit meiner Currywurst fertig wird. Wegen der Kälte habe ich sie zum Mitnehmen bestellt. Also die Wurst. Und Pommes extra, damit ich das zuhause nicht als Brei essen muss. Sie reicht mir endlich die Tüte mit der Ware und ich ihr das Geld. Schnelles Geschäft, denn ich habe passend.
Auf der Gneisenaustraße würde ich gern schneller vorankommen, aber das Wetter lässt mich nicht. Unten ist es glatt und von oben habe ich gute Chancen, von einem zentnerschweren Eiszapfen erschlagen zu werden. Bei dermaßen gebündelter Konzentration ergeht mir, dass ein Wagen am Straßenrand hielt, ein Mann ausstieg und mir jetzt gegenübersteht. Er ist klein, dick, maskiert und richtet eine Schusswaffe auf mich. Er sagt mit vermutlich verstellter Stimme: "Dies ist eine Entführung. Machen Sie keine Umstände und steigen ein!" Deutet mit dem kurzen Lauf Richtung Auto. Ich habe keine Wahl, also mache ich wie mir geheißen. Beim Einsteigen nimmt der Mann meine Tüte, wirft weg, was darin ist und stülpt sie mir über den Kopf. Er setzt sich neben mich auf die Bank. Riechen kann ich ihn nicht, denn die Tüte auf meinem Kopf stinkt nach altem, kaltem Fett.
Seine Komplizin am Steuer fährt los. Ich weiß, dass es eine Frau ist, weil sie auf seinen Fahrbefehl rief: "Jawohl, Herr!" - Links, rechts, links, nochmal und nochmal, dann habe ich die Orientierung verloren. So schnell geht das. Die beiden reden kein Wort, bis das Auto hält und ich zum Aussteigen gezwungen werde. "Fuß hoch, Treppe", herrscht der Mann mich an, "und Fresse halten." Dabei wollte ich gar nichts sagen. - Erster Stock, zweiter Stock. Dritter? Ich weiß es nicht. Tür. Noch eine. Klappe zu und Schlüssel dreht. "Sie können die Tüte jetzt abnehmen. Und nicht brüllen, sonst komme ich rein und schieße Ihnen in den Kopf." Ich trenne mich von meiner schicken Mütze und stehe bei völliger Dunkelheit in einer Kammer mit einem Hocker, wie ich erfühle und setze mich. Die Kammer ist etwa ein Meter im Quadrat groß, etwas niedriger als meine Höhe und ich bin nicht allein. Fliegen summen umher und ich weiß nicht was noch alles da ist, das kein Geräusch macht.
Ich habe schlechte Laune, bösen Hunger und ein Bier zur Wurst würde mir gut schmecken. Draußen tuscheln zwei Stimmen. Vielleicht beraten sie, wie sie meinen Leichnam beseitigen. Moment mal. Der Mann hat von "Entführung" gesprochen, und für was Entführtes will man doch Geld, und erst wenn das nicht klappt, wird über die Leiche nachgedacht. Eine Gedanke schlägt ein in mein Hirn wie der Eiszapf, dem ich vorhin noch entging: Wen um Himmels Willen wollen die denn nach Geld fragen! Für mich zahlt doch kein Mensch. Familie Fehlanzeige. Turnverein dito. Sie könnten bei der Kreuzberger Integrationsbeauftragten fragen, schließlich kam meine Mutter damals aus Breslau. Aber sonst. Die schwache Motivlage, nein, die schwache Aussicht auf Lösegeld macht meine Situation unangenehmer als sie schon ist. Meine Nervosität nimmt rasant zu, öliger Schweiß läuft an mir ab, die schlechte Luft wird auch noch knapp. Die Fliegen erzeugen jetzt einen psychoakustischen Schalldruckpegel von 140 Dezibel, was so laut ist, wie wenn Sie 30 Meter unter einem startenden Düsenflugzeug zu tun haben. Ich würde gern brüllen wie am Spieß, aber das hat mein Peiniger ja verboten. Wer wird schon gern erschossen, bloß weil er ein wenig gereizt ist.
Plötzlich ist es ganz still, denn ich höre Schritte an meiner Kammer vorbei. Dann geht die Wohnungstür, und wenn mich nicht alles täuscht, hat die Durchschreitungszeit für nur eine Person gereicht. - "Von der Tür weg", sagt die verstellte Stimme und der Schlüssel dreht sich, die Tür springt auf und ich sehe erstmal nicht vor lauter Licht. Doch: Der Mann trägt wieder seine Maske, dazu hat er sich für ein eng anliegendes Dress aus weinrotem Veloursleder und goldfarbene Sneakers entschieden. - "Hier rüber, zum Shooting, so oder so. Und her mit der Tüte." Ich verstehe schnell, denn in der einen Hand hält er die Waffe, in der anderen eine Kamera. Ich folge wieder der Richtung des Laufs und bleibe stehen vor einer Wand neben einer Tür, die in die Küche führt. Er stülpt mir die Tüte über. Meine Stimmung ist geprägt von massiver Angst und einer Wut, die an meiner Hirnrinde erst zerrt, dann reißt. In den Schläfen habe ich daher ein starkes Pochen. Der Mann nimmt die Kamera hoch und der Blitz sticht mir durch die Tüte in die Augen wie ein Messer aus heißem Stahl. Ich höre unter der Tüte das Platzen meines Kragens, reiße sie mir runter und hau dem Mann so stumpf und böse in die Fresse, dass er lautlos zusammenbricht und weiter schweigt. Seine Kamera gehört nun mir, die Wumme kann er behalten. Raus aus der Bude, runter, immer weiter runter, das dauert halb ewig mit den lahmen Knochen.
Draußen und weg!
Es ist kalt, aber mein Geld ist reichlich für ein Taxi und ein paar Schnäpse, um mir das Summen aus den Ohren zu trinken. Später geh ich bestimmt was essen.
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