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Seppo Kyrvilä schaut sich mit einem Blümchen in der Hand die Wolken an

In Berlin ist das ganze Jahr ein wenig Ostern, denn es wird in dieser Stadt gesucht, überall, intensiv, unablässig. In Mitte sucht der gemeine Japaner das hinter Bauzäunen und schwerem Gerät versteckte Brandenburger Tor, die Schulklasse aus Schwäbisch-Gmünd die nächste Starbucks-Filiale, der Hütchenspieler neue Opfer und der Lehrer aus Schwäbisch-Gmünd seine Klasse.
Der Einheimische sucht in der Regel vor allem Eines: den Sinn. Das muss wohl so sein in einer Stadt der Widersprüche und Ungereimtheiten, in der die U-Bahnen häufig über der Erde anzutreffen sind, der Fußballklub wie eine alte Frau heißt und ein satter Fausthieb durchaus als Geste der Freundlichkeit gewertet werden kann. Hinter diesen und all den anderen Absurditäten der Hauptstadt, so scheint sich der Berliner wohl zu sagen, muss irgendein verborgener Sinn schlummern. Nur was? Und wo? Keine Ahnung - also frisch ans Werk und auf die Suche.
Der eingeborene Unterschichtler sucht nur kurz und findet schnell eine einfache Erlärung für jeden Wahnsinn: Er grübelt einige Millisekunden, erklärt dann im Brustton der Überzeugung  "Det is so weil wenns nich so wär det jinge ja jarnich!" und wendet sich hocherfreut ob solch bahnbrechender Erkenntnis seiner Schulli-Kugel und, falls mal wieder Sonnabendnachmittag ist, der trostlosen Sportübertragung zu.
Doch nicht alle Berliner sind in der Lage, die Rätsel der Hauptstadt und des marginalen Rests der Welt so schnell und effektiv zu lösen. Harnartiges Bier und Mampe halb und halb haben offenbar eine bewußtseinserweiternde Wirkung. Mangels chemischer Erleuchtung führen nur zwei Wege aus dem Jammertal der Widersprüche. Der Pfad des Nachdenkens ist hart und steinig, auch zweigen beängstigend viele Sackgassen von ihm ab. Selber Denken verwirrt. Aber Brot kauft man ja schließlich auch beim Bäcker und die Kindererziehung delegiert man an ein seltsames, jammerndes Völkchen.
Also: Denken lassen, vulgo Religion. Am besten eine bequeme, bei der man nicht in ungeheizten Gemäuern rumsitzen und aufmerksam zuhören muss. Dann doch lieber eine diffuse, aus Versatzstücken aller nur erdenklichen nichtmonotheistischen Glaubensrichtungen zusammengeschusterte, diffuse Pseudoreligion als seelische Wellness-Oase. Das bringt zwar keine Erklärungen, spendet aber das warme Gefühl, dass aller Wahn- und Schwachsinn irgendwie doch eine kosmische  Berechtigung hat. In Rovaniemi, Rom oder Rostock wäre ich aufrichtig schockiert, wenn ein ortsbekannter Sozialhooligan mir eröffnete, er gehe jetzt regelmäßig in einen indischen Tempel, mir ein angewelktes Blümchen in die Hand drückte und mich nötigte, mit ihm die Wolken zu betrachten - in Berlin ebensowenig wie eine Kaufhaus-Anzeige, die in Vierfarbdruck auf glänzendem Papier verheißt: "AKTION Buddha Figuren in großer Auswahl 10 % Rabatt bis 30. Mai"

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