Der starre Rächer
Mai 2006Ich habe gerade geduscht, bin fast trocken und betrachte meinen Leib im Spiegel. Ein paar Stellen haben die Jahre gut überstanden, an anderen wird das Fleisch wellig, wo es einst willig war. So geht die Jugend dahin.
Ich hebe meinen Körper leicht an, um den Hosenknopf zu schließen und überlege, was zu tun wäre, ist doch wenigstens der Tag noch jung. Vorgestern hatte ich die Idee, der Briefträgerin aufzulauern und sie zu beschuldigen, mir ein seit Tagen dringend erwartetes Einschreiben absichtlich vorzuenthalten. Sie hat dies zurecht bestritten, aber ihren Feierabend musste sie dennoch um eine dreiviertel Stunde verschieben. Ich nenne dieses Delikt »Zeitraub« und ich begehe es aus Rache.
Ich räche mich an Leuten, die mir irgendwelche eben im Kino gesehenen Filme nacherzählen müssen; Stunde um Stunde auf mich einreden, wer hat was mit wem geredet, wo war es spannend und wo schön blutig, Kamera-Einstellungen werden kritisiert oder die Farbe des Lichts; war Brad Pitt die richtige Besetzung in »Troja« oder wer.
Ich räche mich an Urlaubsgeschichtenerzählern, Thailand und Kreta und Mexiko. Ich räche mich besonders grausam dann, wenn Photos dazu gezeigt werden, die zu dunkel und irgendwie leer sind, weil sie nachts aus zu großer Entfernung geknipst wurden. Und dann die sehr schöne Natur: grün, gelb und blau... abstoßend, nicht wahr.
Die Sache mit der Rache hat leider einen Haken. Ich habe nicht das geringste Problem, die Briefträgerin stundenlang zu quälen, aber wenn ich so dasitze und der unerträgliche Schwachsinn über den Salzgehalt des Toten Meeres über mir niedergeht, kann ich mich einfach nicht wehren. Wie bestimmte Tiere beim Geschlechtsverkehr falle ich in eine Art Duldungsstarre, die mit Sex nun rein gar nichts zu tun hat. Ich nicke stumm oder versuche sogar zu schmunzeln, wenn eine alberne Pointe kommt (die erkennt man daran, dass der Erzähler schallend lacht) oder ich sage Sachen wie: »Das ist ja unglaublich«, statt aufzuspringen und rauszurennen und irgendwas zu brüllen, in dem das Wort »Arschloch« vorkommt. Das aber kann ich nicht.
Ich stehe immer noch vor dem Spiegel und betrachte nun mein Antlitz. Ich sehe aus wie jemand, der gleich zur Tür hinausgeht und einen Fehler macht. Ich sehe aus wie jemand, der sich einen Hut aufsetzt und ihn zehn Minuten später von einer beliebigen Flasche vom Kopf gerissen bekommt. Ich gehe heute einfach nicht hinaus, das wird das Beste sein. Mir geht es wie Greta Garbo, die wollte auch einfach nur in Ruhe gelassen werden, aber das hat auch keinen Menschen interessiert.